Erfahrungsgemäß habe ich die dumme Angewohnheit bei soetwas viel zu ausschweifend und zu anspruchsvoll zu werden, um Interesse erwecken zu können. Dennoch wird das folgende für jemanden mit philosophischem Interesse und wissenschaftlicher Denkweise durchaus interessant sein, daher:
LIES DAS HIER, DU SACK!!!
Was ist Realität denn überhaupt?
Realität ist, was existiert, würde man auf Anhieb sagen. Ist das denn wirklich so?
Ich denke nicht.
Realität ist ein komplett synthetisches Konstrukt unseres Gehirns. Wieso das so ist will ich im Folgenden erläutern.
Realität ist auch nicht Existenz.
Wer etwas Ahnung in den Naturwissenschaften hat weiß, wovon ich spreche wenn ich sage: Der einfachste und natürlichste Zustand ist das Chaos. Das mag erst mal nicht einleuchtend klingen, denn es fällt uns schwerer etwas im Chaos zu finden als in einem Zustand der Ordnung.
Tatsächlich aber ist ein Zustand des kompletten Chaos auch gleichzeitig der simpelste: Er ist mit möglichst simpel beschreibbar: Alles ist zufällig verteilt.
Steigt das Ordnungsmaß, so ist der Informationsgehalt größer, denn Objekt A liegt hier, Objekt B dort und diese beiden sind in Relation zu Objekt C und D an einer anderen Position. Je höher die Ordnung, desto mehr Informationsgehalt und Komplexität.
In unserem Universum strebt erwiesenermaßen alles entgegen der geringstmöglichsten Ordnung.
Existenz ist wenn man so will ein lokal veränderter Ordnungszustand im Universum. Anstatt dass unsere Atome chaotisch verteilt sind befinden sie sich in einem geordneten Zustand und verleihen uns Existenz.
Realität jedoch ist etwas anderes: Sie ist die Interpretation von Informationen, die uns auf Existenz rückschließen lassen.
Existenz können wir nicht wahrnehmen. Wir haben nur einen sehr begrenzten Zugriff auf die unendlich vielfältigen Informationsgehalte, die etwas Existierendes also den Ordnungszustand allgemein beschreiben.
Ich denke mir einen Namen aus - "Erwin Popel" zum Beispiel. Für mich ist Erwin Popel nicht real, eine fiktive Person. Erwin Popel mag existieren - ich finde den Namen jedoch so bescheuert, dass er trotz seiner Existenz dennoch nicht real wäre, weil mir bisher die Informationen fehlen, ihn zur Realität zu zählen. An seiner Existenz wird meine Realität jedoch nichts ändern - ich kann es nicht wissen.
Sollte sich Erwin Popel nun auf diesen Beitrag hier melden und schreiben "Doch, ich heiße Erwin Popel" so wird er für mich real.
Jedoch bleibt auch das abhängig von den Informationen die ich habe.
So würde ich zunächst annehmen, da will mich einer verarschen. Dann treffe ich ihn eventuell, er zeigt mir seinen Personalausweis und erst dann wird er Realität. Existent war er schon immer, jedoch nicht real für mich.
Realität ist also nicht Existenz.
Realität ist eine individuelle Deutung von Existenz - unabhängig davon wie viele Informationen diese Deutung begründet haben.
Realität wird vom Gehirn erschaffen.
Die Farbe Blau existiert nicht. Die Schrift die du gerade siehst exisitiert nicht. Licht existiert nicht. Diese Dinge sind lediglich Realität.
Licht ist genauso wie die Signale die dein Handy aussendet und empfängt elektromagnetische Strahlung. Ihre physikalische Natur ist dabei nahezu identisch. Der Unterschied besteht quasi nur in der Information des Energiegehalts.
Realität ensteht aus der Konstruktionsweise unseres Körpers, aus seinen Eigenheiten nur bestimmte Informationen aufzunehmen und unterschiedlich zu interpretieren.
So sind elektromagnetische Wellen mit bestimmtem Energiegehalt für uns blaues Licht. Ein anderer Energiegehalt ist für uns grünes Licht. All das ist Realität - Informationen, die auf bestimmte Weise durch uns als Beobachter interpretiert wurden - und nur für uns eine gesonderte Bedeutung und damit Realität besitzen. Funkwellen tragen eine ähnliche Information - sind für uns aber erst dann Realität, sobald sie etwas bewirken, dass in eine Information umgewandelt wird, die wir mit unseren Möglichkeiten verstehen können.
Ein anderes Beispiel zeigt sehr gut, dass Realität in Wirklichkeit ein "Gefühl" ist. Realität ist nichts anderes als die Zusammenfassung und Interpretation aller Information die wir momentan haben.
Man stelle sich ein Theaterstück vor. Eine komplett alltägliche Szene wird vorgeführt. Diese Szene empfinden wir als nicht real. Realität ist die Gesamtheit unserer Informationen - die Tatsache, dass wir in einem Theater sitzen und ein Schauspiel anschauen.
Was aber würde passieren wenn diese Schauspieler dieselbe Szene von uns unbemerkt in unserem Alltag vor uns "zufällig" hätten ablaufen lassen? Wir hätten das Gefühl gehabt, dass das Realität ist.
Der einzige Unterschied besteht in der Menge an Informationen die uns zur Verfügung stand und die Art, wie wir sie interpretiert haben. Das Gefühl der Realität ist also das endgültige Interpretationsergebnis aller momentan verfügbaren Informationen, sonst nichts.
Folglich ist das was wir erleben real. Irgendetwas als Ursache davon muss auch existieren, das ist das Einzige was man sagen kann.
Eine weitere Folge dieser Überlegungen: Es gibt nicht nur eine Realität. Realität wird von einer individuellen Person erschaffen. Jeder besitzt seine eigene.
Wir tendieren dazu, eine einzige Realität anzunehmen. Weil sich die Menschen sehr stark gleichen. Die verfügbaren Informationen und die Möglichkeiten der Wahrnehmung überschneiden sich sehr stark, so dass wir versucht sind zu sagen: "Ich sehe es, du siehst es, also muss es existieren."
Wir alle sehen diese Wörter. Sie existieren nicht. Sie sind eine Eigenheit des Menschens. Ein Analphabet sieht in ihnen keine sprachliche Realität. Es sind Helligkeitsunterschiede in den LEDs in eurem Monitor. Das widerum nur der kleine Anteil der elektromagnetischen Information, die euer Monitor gesamt erzeugt. Wir nehmen einen willkürlichen Teil davon und geben ihm eine eigene, alleine von uns definierte Realität.
Aus den Gemeinsamkeiten und der Annahme, uns liege dieselbe Realität zugrunde ergeben sich Probleme, wo Unterschiede bestehen, die Leute dies aber nicht verstehen.
So bringt der Eindruck, die Gesamtheit der Informationen sei "real" die Annahme mit, dass es ein "richtig" oder "falsch", ein "besser" oder "schlechter" gäbe.
Ich denke tatsächlich muss man Realitäten eher als ähnlich oder unähnlicher verstehen. Denn der Informationsgehalt ist beliebig variabel. Und es gibt keine "objektive" Interpretation von Informationen, unsere Realität ist in sich so geschaffen, dass neue Informationen im Kontext bestehender Informationen interpretiert und in die gegenwärtige Realität eingefügt werden.
Es gibt Menschen, deren Realität ist Gott. Es gibt Menschen deren Realität ist Allah. Es gibt Menschen, deren Realität ist eine vollständige Ablehnung eines Gottes.
All das sind Realitäten, all diese sind individuelle Interpretationen von Informationen. Jeder von diesen glaubt von sich, er habe mehr oder bessere Informationen als der andere - in Wirklichkeit haben sie jedoch einfach alle nur verschiedene. Und keine Realität ist "wahr". Oder alle Realitäten sind es wenn man so will.
Und so entstehen Kriege zwischen Gruppen mit deckungsgleichen Realitäten die sich in Konkurrenz zu anderen sehen.
Ein schönes Beispiel, dass das stimmt sehen wir bei Schizophrenie. Diese Leute glauben die abstrusesten Dinge. Wenn man zu verbohrt ist interpretiert man dass so, dass die einfach nen Knall haben. In Wirklichkeit ist ihre Realität nur so verschieden von dem Durchschnitt, dass uns nichts übrigbleibt als den Unterschied zu bemerken.
Diese Menschen reden von göttlicher Vorherrsehung, von den wildesten Verschwörungstheorien, von der Überzeugung Satan zu sein und Jesu Christi Wiedergebrurt in Form der Colaflasche im Supermarkt nebenan verhindern zu wollen. Sie hören Stimmen, die ihr Leben kommentieren.
Die bilden sich das nicht ein, sie nehmen das wahr. Sie glauben das alles wirklich, es ist real für sie. Man kann mit bildgebenden Verfahren nachweisen, dass ihr Gehirn auf echt wahrgenommene Geräusche reagiert, diese entstehen jedoch nicht durch Luft, sondern im Gehirn. Und weil das was sie wahrnehmen komplett ist - deswegen ist es so schwer sie vom Gegenteil zu überzeugen. Eher wird man in eine der absurden extrem komplexen Verschwörungsfantasien mit eingebunden als dass man auf Verständnis trifft. Diese Leute haben einfach veränderte Reaktionen ihrer Nervenzellen, Unterschiede im Verhalten auf Reize aus der Umwelt, intensivere Reaktionen bestimmter Zellen. Man kann das natürlich als krankhaft verändert bezeichnen. Ich denke aber auch man muss sich bewusst sein, dass man genau denselben Mechanismen unterliegt. Man besitzt ein ähnlich funktionierendes Gehirn wie diese Menschen. Die Tatsache dass es genügt die Balance im Hirnstoffwechsel etwas aus dem Gleichgewicht zu bringen um vollständig verschiedenartige Realitäten zu erzeugen sollte einem jedoch bewusst machen, dass Realität ein künstliches Konstrukt des Gehirns und nichts anderes ist.
Offensichtlich ist für das Gefühl der "Realität" keine Existenz notwendig. Nun, vorsichtiger ausgedrückt: Realität muss nicht ihre Ursache in Dingen haben, die wir mit allen Menschen gleich wahrnehmen und auf die gleiche Weise interpretieren können. Existenz an sich - darauf können wir nicht zugreifen. Wir haben nur unsere Realität.
Und somit ist es egal, was existiert und was nicht. Es ist entscheidend, was Realität ist. Und dass wir die Bereitschaft behalten, unsere Realität mit Informationen zu erweitern und zu verändern.