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Leben mit den US-Sanktionen: "Im Iran beklaut jeder jeden"

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Ungelesen 12.08.18, 10:40   #1
MotherFocker
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Standard Leben mit den US-Sanktionen: "Im Iran beklaut jeder jeden"

Zitat:
"Hier beklaut jeder jeden"
Wie ist das Leben im Iran? Drei Frauen berichten

12.08.2018, 09:29 Uhr | t-online.de


Die iranische Wirtschaft liegt wegen der US-Sanktionen am Boden – das trifft vor allem die einfachen Leute. Drei Frauen berichten über ständige Stromausfälle, überteuerte Lebensmittel und grassierende Korruption.

Jahrelang hatten die UN-Vetomächte, Deutschland und der Iran verhandelt, 2015 beschlossen die Staaten das Atomabkommen. Das verpflichtete den Iran, sein Atomprogramm umfangreichen Kontrollen zu unterwerfen. Im Gegenzug wurden die Sanktionen gegen das Land gelockert.

Mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten änderte sich die Lage: Trump bezeichnete das Abkommen "als schlechten Deal" und will neu verhandeln. Als Folge sind die USA aus dem Abkommen ausgestiegen und haben die Sanktionen gegen den Iran wieder in Kraft gesetzt. Das trifft die iranische Wirtschaft hart: Der Wert des iranischen Rial sank auf Rekordtief.

Am meisten sind aber die Menschen im Iran von der schlechten wirtschaftlichen Lage betroffen. Wie lebt es sich in einem Land unter Sanktionen?

t-online.de sprach am Telefon mit drei Frauen, die im Iran leben:

Puneh Markazi, 60, Rentnerin*

Der Iran war schon immer sanktioniert. Aber seit Trump gedroht hat, das Atomabkommen zu kündigen, wird die Lage im Land immer schlimmer. Ich habe mich zum Beispiel neulich in einer Arztpraxis mit einer Frau unterhalten. Die hat ihren Keller geräumt, um Platz für Lebensmittel zu schaffen: Makkaroni, Salz, Bohnen in Dosen, alles, was lange haltbar ist. Auch ich habe Sachen wie Salz und Zucker auf Vorrat besorgt. Der Grund: Jeden Tag steigen die Preise für Lebensmittel. Eine Packung Milch hat beispielsweise neulich noch 2.500 Toman (circa 45 Cent, die Red.) gekostet, am nächsten Tag waren es plötzlich 3.200 Toman. Oder zum Beispiel eine Flasche Wasser. Heute kostete sie noch 500 Toman, am nächsten Tag waren es schon 1.000 Toman. Der Händler verlangte beim Kauf aber 1.300, weil der Preis gestiegen war, ehe er das Schild austauschen konnte. (Toman wird umgangssprachlich für die Landeswährung Rial genutzt. Ein Toman sind zehn Rial; d. Red.)

An der Entwicklung sieht man, wie kaputt die Wirtschaft des Landes ist: Preise steigen, Gehälter der Menschen aber nicht. Es ist zwar nicht so, dass die Leute verhungern – aber hungern müssen sie, vor allem ärmere Menschen. Und bei den hohen Preisen hört es nicht auf: Auch Medikamente oder Strom fehlen. Ich wollte neulich die Medikamente meiner Mutter kaufen, doch die Apotheke hatte sie nicht mehr, weil sie importiert werden. Außerdem wird an manchen Tagen für bis zu einer Stunde der Strom abgestellt. Die Regierung begründet das mit Wassermangel. (Auch dieses Telefonat brach wegen eines Stromausfalls ab, d. Red.). Einmal schauten meine Mutter und ich am Abend Fernsehen, als der Strom weg war. Ich blieb dann wach, bis er wiederkam, um sicherzugehen, dass sich keine Geräte wieder einschalten.

Auf den Straßen begegne ich auch immer mehr Bettlern: An roten Ampeln stürmen jedes Mal Kinder die Autos, putzen Scheiben, räuchern mit Steppenraute oder verkaufen Taschentücher. Als ich mal Blumen für das Grab meines Vaters kaufen wollte, hielten mir sechs, sieben bettelnde Kinder ihre Blumen entgegen. Als ich von einem eine kaufen wollte, beschwerten sich gleich alle anderen, dass ich lieber von ihnen welche kaufen soll.

Die Regierung macht nichts, um die Probleme zu lösen. Selbst die Medien berichten von der schlechten Lage des Landes. Sie sagen aber, dass (Präsident) Ruhani es richten muss. Aber er kann gar nicht so viel tun. Ruhani hatte den schon richtigen Gedanken mit dem Atomabkommen. Es kann nicht sein, dass sich ein Land wirtschaftlich und politisch derart isoliert. Aber das Problem ist vor allem die Korruption: Einige wenige verdienen an den Öleinnahmen und schaffen das Geld aus dem Land. Die muss man zur Verantwortung ziehen.

Ich sage gar nicht, dass Trump direkt schuld ist. Er denkt zuerst an die USA. Mit den Sanktionen will er vermutlich die iranische Regierung loswerden, wie es Carter damals mit dem Shah gemacht hat. In Teheran gibt es derzeit selten Demonstrationen. Und wenn die Leute demonstrieren, dann nicht direkt gegen die Regierung, sondern für mehr Arbeit oder Geld. Manchmal sind dazwischen aber auch Parolen gegen die Mullahs. Aber wenn es so weitergeht, wird sich die Regierung auf längere Sicht nicht halten können. Die Leute können nicht mehr. Sie haben Angst davor, was morgen passiert. Sie haben Angst davor, ob es morgen Krieg geben wird. Wenn die Regierung wirklich an die Menschen denkt und nicht an die eigene Tasche, muss sie die Korruption stoppen, auf (Wirtschafts-)Experten hören und das Geld zurück an die Menschen geben. Dann kann das Land gerettet werden.

Sada Bayani, 38, Angestellte*

Im Iran ist es schon so weit gekommen, das jeder jeden beklaut. Die Regierung stellt beispielsweise regelmäßig für ein paar Stunden den Strom ab. Manchmal kommen dann Menschen und stehlen Kabel. Die können sie nämlich für Geld verkaufen. Und das brauchen viele Leute hier. Jeden Tag steigen die Preise für Lebensmittel, die Gehälter der Menschen bleiben aber gleich. Auch der Wert des Rial zum Dollar sinkt täglich. Manche Menschen können sich nicht mal mehr jeden Tag ein Ei leisten.

Jobs gibt es auch keine. Stell dir vor du gehst jahrelang zur Uni und findest danach keine Arbeit. Fabriken sind kaputt oder werden von Revolutionsgarden kontrolliert. Und die vergeben Aufträge nur an ihresgleichen. Generell sind viele Regierungsmitarbeiter korrupt und stecken Geld in die eigene Tasche. Auch die Regierung selbst gibt lieber Geld an den Libanon, Syrien oder den Irak statt dem iranischen Volk. Bei Kritik argumentieren sie mit Religion: "In Syrien, Irak und Libanon sind unsere schiitischen Brüder und Schwestern", sagen sie dann. "Denen müssen wir als gute Muslime helfen." Die Religion ist so sehr in den Köpfen der Menschen verankert, dass viele nichts dagegen sagen.

Das einzige was sich die Regierung nicht traut, ist das Wasser abzustellen. Denn dann würden die Menschen in Teheran sicher in Massen auf die Straßen gehen. Bisher halten sich die Menschen mit Demonstrationen zurück – jedenfalls in Teheran. Ich bin mir auch sicher, dass es hier in letzter Zeit mehr Polizisten auf den Straßen gibt. Ich habe aber gehört, dass es in Städten wie Karadsch viele Demos gab, aber auch Tote.

Wegen der schlechten Situation lassen sich viele Menschen aus dem Land schmuggeln, zum Beispiel nach Kanada. Vermutlich wird die Regierung die Situation noch eine Weile aussitzen und schauen, wie es mit den USA und der EU läuft. Trump macht es bei uns wie mit Nordkorea. Und er hat die Macht, die EU auch dazu zu zwingen, die Sanktionen zu verstärken. Wenn das System bleiben will, muss es mit den USA verhandeln – da führt kein Weg vorbei.

Leyan Forouzad, 52, Selbstständige*

Uns geht gar nicht so schlecht. Mein Mann ist Lehrer und ich bin selbstständig. Aber wir haben keine Kinder, die wir versorgen müssen. Dennoch ist es manchmal schwierig. Ich kann mir vorstellen, dass Familien mit Kindern es viel schwerer haben. Am schlechtesten geht es den Arbeitern. Die verdienen wenig Geld, die Preise für Lebensmittel aber steigen täglich. Die einzigen, die nichts von den Sanktionen merken, sind sicher die Reichen.

Stromausfälle gab es vor einer Woche noch viel mehr, jetzt scheint es besser geworden zu sein. Dass Menschen Stromkabel klauen, davon weiß ich nichts. Auch ist mir nicht aufgefallen, dass die Medien viel über die derzeitige Lage berichten. Wenn es Demos gibt, dann wegen der hohen Preise und nicht gegen die Regierung. Ich bin selbst nicht politisch, mag es nicht besonders. Aber es scheint so, dass vorherige Regierungen mehr Kompetenzen hatten als die jetzige. Denn der Iran war schon immer sanktioniert, aber die Lage war noch nie so schlecht.

Der Preisverfall des Rials hat auch mit der Nationalbank zu tun. Die soll ja dafür sorgen, dass die Währung stabil bleibt. Jetzt hat die Regierung den Chef ausgetauscht, vielleicht bessert es sich ja. Der letzte kannte sich mit dem Thema gar nicht aus, die Regierung muss sich von Menschen beraten lassen, die Ahnung von der Materie haben. Ich war zum Beispiel vor sechs Jahren und vergangenes Jahr in Deutschland. Mir kam es nicht so vor, dass die Preise sehr gestiegen waren. Wenn die Preise steigen, dann ist klar, dass etwas schiefläuft.

Ich denke, dass die Regierung und die USA sich irgendwie einigen werden. Dass die derzeitige Regierung verschwindet, glaube ich nicht. Wer sollte auch schon stattdessen kommen? Ich hoffe einfach, dass alles gut wird.

*alle Namen und das Alter wurden auf Wunsch der Personen abgeändert.
Quelle:
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