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25.01.20, 15:38
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#1
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Silent Running
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Bedankt: 22.375
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Gemütlichkeit, eine deutsche Tugend
Zitat:
Kiyaks Deutschstunde / SPD
Gemütlichkeit, eine deutsche Tugend
Eine Kolumne von Mely Kiyak

Die Reaktionen auf die neuen SPD-Vorsitzenden zeigen: Deutschland hat neben achtzig Millionen Bundestrainern auch achtzig Millionen Parteichefs.
4. Dezember 2019, 11:06 Uhr
Die Sozialdemokratische Partei hat zwei Sozialdemokraten an ihre Spitze gewählt. Keine große Sache eigentlich, und trotzdem herrschte tagelang Trubel. Nicht Neugier, nicht erwartungsvolle Freude, sondern miese Stimmung.
Die Aufregung speiste sich einzig daraus, dass es sich bei den beiden Gewinnern, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans um zwei Personen handelt, die der Allgemeinheit nicht seit zwei Jahrzehnten bundesweit bekannt sind. Bekanntheit erreicht man in Deutschland vor allem damit, dass man in der Jugendorganisation seiner Partei ein paar Sprüche klopft und anschließend mehrere Jahre am Stück bei Frank Plasberg und Markus Lanz über dies und das quatscht.
Da ist es ja schon wieder. Dieses uralte Ressentiment gegen das Fremde, Neue und Unbekannte. Die übliche Voreingenommenheit gegen das unbekannte Gesicht. An Inhalten kann es nämlich nicht liegen.
Die beiden neu gewählten Chefs wollen eine Politik der Umverteilung. Bessere Löhne für Arbeiter. Also sozialdemokratische Lösungen. Dass sie wohl kaum zum Zug kommen werden, ist auch klar. Sie hatten angedeutet, dass sie die Koalition verlassen werden wollen würden. Aber das können sie nicht allein entscheiden. Das entscheidet der Parteitag.
Aber darum geht es nicht. Es geht darum, was für ein merkwürdiger Standesdünkel herrscht. Wer gefühlt nicht schon immer da war und stattdessen von der Seitenlinie aus ins Zentrum drängt, wird immer auch ein wenig angeekelt zur Kenntnis genommen.
Mit Seitenlinie ist hier nicht nur die soziale, ethnische oder religiöse Peripherie gemeint. Man wird auch dann an der Seitenlinie verortet, wenn man Anlauf nimmt und die Hierarchien überspringen will. Gewissermaßen direkt aus dem Ochsenstall, rein ins Willy-Brandt Haus.
Ohne die berühmte Ochsentour. Obwohl. 23 Regionalkonferenzen sind sicher auch kein gemütlicher Glitsch auf der Wasserrutsche. Und wer schon einmal wie Walter-Borjans Minister in der Landespolitik war, gehört längst zum politischen Establishment. Aber sie haben eben noch nicht beim Prominententanz, Prominentenquiz oder irgendeinem anderen entwürdigendem Spiel, Spaß und Püppchenquatsch mitgemacht.
Wie die Sehnsucht nach "Wetten Dass...?"
Die Aufregung um den SPD-Vorsitz lässt eben auch diesen Schluss zu: Almanya funktioniert wie einer dieser elitären Clubs, in die man vorgeschlagen werden muss und es dann zu etwas bringen darf. Anschließend gilt es, jahrzehntelang bräsigst Mandatverschleiß zu betreiben. Wer so denkt, der wartet auch immer darauf, dass die Kanzlerin endlich "ihre Nachfolge regelt". Die Monarchie regelt Erbfolge und Nachfolger. In der Demokratie kandidiert man.
Keine zwei Stunden später, nachdem das Abstimmungsergebnis der vermeintlichen Newcomer bekannt wurde, regnete es von Medienvertretern Handlungsanweisungen für die beiden neu gewählten Parteichefs. Deutschland hat neben achtzig Millionen Bundestrainern auch achtzig Millionen SPD-Parteichefs. Und eine Brokkolion Parteiforscher und Politanalysten. Und, ganz klar, auch Wahrsager. Das Ende von Deutschland wurde in den vergangenen zwei Tagen auch schon vorausgesagt. Es ist eben einfach, vallah masallah, ein sehr schlaues Land.
Wie als wären zwei Kinder im betreuungspflichtigen Alter an der Parteipforte abgegeben worden, wurden die beiden Vorsitzenden kommentiert. Sie mögen sich bitte beweisen. Auch so ein Deutschlandspruch: Bitte beweisen. Als wäre nicht das ganze Leben ein einziger Versuch sich zu beweisen.
Ein Friedrich Merz oder Olaf Scholz muss sich komischerweise nie beweisen. Warum eigentlich nicht? Lange genug anwesend gewesen zu sein oder viel Geld zu besitzen hat für manche offenbar den gleichen Stellenwert wie anderswo ein Meisterdiplom. Ab Multimillionär aufwärts steigt das Vertrauen in die Fähigkeiten des politischen Personals. Das wiederum ist nicht deutschlandspezifisch. Das ist überall auf der Welt so.
Es gibt Medienphänomene, die wirklich autonom von der Bevölkerung ablaufen. Mit Olaf Scholz war es zum Schluss wie mit der Sehnsucht nach Wetten Dass...?. Auch wenn etwas nicht funktioniert, es zum Schluss keiner mehr schauen wollte, so soll es doch bitte für immer bleiben.
Der nasse Hundegeruch
So ist es auch mit dem Kapitalismus oder den Kohlebergwerken. Ganz gleich, ob es sich um eine Idee oder ein Ding handelt, die Angst vor dem Neuen ist manchmal immens. Sie funktioniert unter vollkommener Abwesenheit von Lust auf Veränderung.
Allein das Fernsehunterhaltungsprogramm ist einziger Beweis für diese Mentalität. Die immer gleichen Schauspieler spielen in immer gleichen Dialogen in immer gleichen Kulissen die gleichen Szenarien durch. Spätestens um 20.35 Uhr bringt ein Kommissar das Handy des Toten in die Spusi. Das hat nichts mit Qualität zu tun. Sondern damit, dass die, die das Sagen haben, sich in dem alten Mist einbetonieren.
Gemütlichkeit. Ein german skill. Gemütlichkeit meint muffige Wohnzimmer, Bettwäsche alle vier Wochen wechseln, weil diese Leitkulturattitüde des "Aach, das geht noch eine Weile" wie nasser Hundegeruch über allem liegt. Man stellt das nicht infrage. Die Nase hat sich längst gewöhnt.
Angst und Schockstarre
Dass das Land trotzdem in Veränderung ist, hat nichts mit seinem Veränderungswillen zu tun, sondern damit, dass eine vergleichsweise kleine Gruppe eine vergleichsweise große Anstrengung unternimmt, seine Mitbevölkerung aus der Polstersitzecke zu reißen. Das gute Alte ist aber nur bewahrenswert, wenn es sich bewährt hat.
Nahezu keine einzige politisch-ökonomische Entscheidung hat sich bewährt. Weder die Privatisierung von Bahn, Post und Wasser. Weder die Reformierung des Schul- oder Unisystems. Weder der Umbau im Medizinwesen, die Straßen kaputt, Internet auch ein Desaster, und das Renten- und Sozialversicherungssystem läuft auf einen Kollaps zu. Es gelingt den wenigen Wagemutigen aber immer schwerer, Veränderungen anzustoßen.
Auch weil Politik und Medien den Deutschen einreden, dass das Verharren in den ökonomisch und ökologisch prekären Zuständen eine Art Naturgesetz sei und nicht das Ergebnis von Verharren. So erzieht man seine Bevölkerung zu Angst und Schockstarre.
Man liest jetzt auch immer häufiger, dass die Politiker früher charismatischer waren. Das ist nicht wahr. Man erinnert sich nur an die bonmots. Die seltenen Male, in denen gepoltert wurde und das eine oder andere "Arschloch" ins Parlament gerufen wurde. Der Witz ist, dass alles Alte, das vermisst wird, zu seiner Zeit auch neu und ungewöhnlich war. Manches war auch einfach albern. Und ist es heute noch. Tagelange Übertragungen von Faschingssitzungen beispielsweise. Das war vulgär, plump und geistlos und wird es immer bleiben. Doch bleibt es Bestandteil der Das-war schon-immer-so-Kultur.
Man kann den neuen Parteichefs der SPD nur eines wünschen: dass sie sich konsequent von allen Talkshows fernhalten, dass sie keine Zeitungen lesen, dass sie sich einfach in nichts reinreden lassen. Sie haben es ohne nennenswerte mediale und anderweitig öffentliche Unterstützung bis hierhin gebracht und wenn sie klug sind, behalten sie ihren Kurs bei: auf niemanden hören. Selber denken.
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Quelle:
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Die folgenden 2 Mitglieder haben sich bei pauli8 bedankt:
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25.01.20, 16:20
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#2
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Banned
Registriert seit: Jul 2019
Beiträge: 2.614
Bedankt: 2.405
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Pauschalisierungen sind doch immer wieder schön. Also setzen wir alle unsere rosarote Brille auf und jubeln bei allem mit das nicht bei 3 auf einem Baum ist. So schön kann die Welt sein. Yeah!
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26.01.20, 11:21
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#3
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Master of Desaster
Registriert seit: Dec 2014
Beiträge: 4.305
Bedankt: 3.406
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Wenn diesen Erkenntnissen, die sonst Niemand vorher hatte, sollte Sie in die Politik wechseln.
Das kann Veraenderungen nach obiger Wunschliste herbeifuehren.
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26.01.20, 13:02
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#4
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Chuck Norris
Registriert seit: Sep 2009
Beiträge: 3.738
Bedankt: 5.859
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Zitat:
An Inhalten kann es nämlich nicht liegen.
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Richtig. Der Blätterwald hat die beiden massiv mit Dreck beworfen, weil diese Angst haben die Koalition könnte ein jähes Ende nehmen. Grund dafür seien die Ansichten (Inhalte?) der beiden die Spuren von Sozialdemokratie enthalten. Aber um Inhalte geht es nicht, sondern nur um die Angst vor dem Fremden. Wie man darauf kommt auch wenn jede Presseschau Anfang Dezember einem geradezu was anderes entgegen kreischt? Das bleibt ein Geheimnis.
Gut, man könnte sich jetzt die Frage stellen wer Klara Geywitz ist, mit der Scholz antrat, um die absurde These zu gegenprüfen. Man könnte sich als Kolumnistin zurecht an dem Prinzip der Quotenfrau abarbeiten - denn mehr sind Esken und Geywitz nicht gewesen. Stattdessen eine sinnlose Pauschalisierung, die quasi sich selbst belegt: Der Deutsche liebt und pflegt seine Vorurteile. Der Tag ist gerettet.
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26.01.20, 13:23
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#5
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Master of Desaster
Registriert seit: Dec 2014
Beiträge: 4.305
Bedankt: 3.406
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mal nachgefragt zu deinem letzten Satz, Nana
Ist das ein Alleinstellungsmerkmal der Deutschen??
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