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Draalz
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Standard Neue Bäume braucht das Land

Zitat:
Naturschutz

Neue Bäume braucht das Land


Vor 40 Jahren lösten Berichte über das Waldsterben die bis dahin größte Umweltbewegung des Landes aus. Heute geht es unseren Wäldern viel schlechter – aus anderen Gründen als damals. 

Von [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ]

21. April 2021, 16:52 Uhr Editiert am 25. April 2021, 10:00 Uhr DIE ZEIT Nr. 17/2021, 22. April 2021


Abgestorbene Fichten neben grünen Buchen in einem Wald bei Iserlohn © Ina Fassbender/​AFP/​Getty Images

In der an tragischen Gestalten nicht gerade armen [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ]. Beschenkt mit der Gabe des Hellsehens, gestraft durch den Fluch, dass niemand ihr Glauben schenkt, warnt sie vor Gefahren und wird ignoriert: etwa als die Griechen im Bauch eines riesigen Holzpferdes versteckt vor Troja auftauchen und die Hellseherin die List durchschaut, die Trojaner es aber nicht wissen wollen.

Die Figur der Kassandra hat sich im Sprachgebrauch gehalten, doch steht sie heute meist für eine unbegründete, nervensägende Lust am Untergang. Und diese Verdrehung hat in Deutschland auch mit dem Wald zu tun. Genauer gesagt: mit dem Waldsterben.

In den Achtzigerjahren warnten Wissenschaftler, Nachrichtenmagazine und Aktivistinnen davor, dass es mit dem deutschen Wald zu Ende gehe. Umweltschützer sagten voraus, Westdeutschland werde im Jahr 2000 "in weiten Teilen versteppt sein". Ein Pamphlet über das "ökologische Hiroshima" trug den Titel: "Er war einmal".

Und heute? Ist er noch immer. Doch wenn man, so wie ich, als über 60-Jährige durch Wälder und Forste wandert, erinnert man sich unwillkürlich an die Bilder von kranken Nadelbäumen damals – und mit ihnen an die Angst vor einer existenziellen Gefahr, über die auch ich als junge Journalistin geschrieben habe.

Denn in den Forsten rund um Berlin, wo ich heute wohne, sah ich in den vergangenen drei Jahren kranke Kiefern, Kahlschläge und herumliegende Stämme; sogar verkohlte, weil es wegen der Dürre oft gebrannt hatte. In Parks und auf Friedhöfen stehen Bäume mit ausgedünnten Kronen, Majestäten, deren Rinden oft von Schädlingen durchbohrt sind. Das Sauerland, aus dem ich stamme, der Westerwald, der Harz: gebrandmarkte Mittelgebirgslandschaften mit graubraunen Wunden. Diese Liste besteht aus persönlichen Eindrücken – aber sie wird von Daten gestützt.

Etwa vom [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ]. Demnach sind nur noch ein Fünftel der Baumkronen in deutschen Wäldern gesund. Bei den übrigen haben Fichten und Kiefern Nadeln verloren, Eichen oder Buchen werfen Äste und Blätter ab. Das ist ein Zeichen für Stress, und zwar für großen: 37 Prozent der kranken Bäume fallen unter die höchste Schadenskategorie und weitere 42 Prozent unter die Warnstufe.

Laut diesem Bericht ging es dem Wald seit dem Beginn der jährlichen Erhebungen 1984 noch nie so schlecht wie heute. Das spricht dafür, dass dieses Déjà-vu-Gefühl nicht nur eingebildet ist. Doch ist es auch berechtigt? Stimmt es, dass der deutsche Wald "kurz vor dem Kollaps" steht, wie der Vorsitzende des Bundes Deutscher Forstleute mahnte; dass wir vor einem "Waldsterben 2.0" stehen, so die Experten des Bundes für [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ] in Bayern? Kann man die beiden Krisen überhaupt miteinander vergleichen?

Einer, der es wissen sollte, ist [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ], sagt er.

In den Achtzigern setzten vor allem Luftschadstoffe den Bäumen zu. Aus Kraftwerken und Industrieschloten stiegen allein in der alten Bundesrepublik alljährlich 3,5 Millionen Tonnen Schwefeldioxid in den Himmel, pro Einwohner beinahe ein Zentner. Im Osten roch man die Abgase der Braunkohlekraftwerke überall. Dabei war jenes SO₂ zwar der wichtigste Killer, aber nicht der einzige. Hinzu kamen Stickoxide aus Verkehr und Landwirtschaft, dazu Schwermetalle, Aluminium oder Ozon. Aus den hohen Schornsteinen des Ruhrgebietes und Osteuropas verbreitete sich der fliegende Abgascocktail über weite Teile Europas. Er bekam einen Namen: saurer Regen.

Der Wald wuchs wieder, über die Jahre sogar "üppig"

Im Erzgebirge schilderten Reporter Eindrücke "wie in Vietnam, als die Amerikaner Agent Orange vom Himmel warfen". Damals recherchierte ich in der Oberpfalz, wo Ärztinnen und Ärzte unter Kindern eine auffällige Häufung von lebensbedrohlichem Husten beschrieben. Ich erinnere mich noch an ein SPD-Flugblatt: "Dann stirbt der Wald, und du bist weg."

Zitat:

Zartes Pflänzchen – im Bayerischen Wald wächst eine kleine Fichte auf Totholz heran. Sie wird in ihrem Baumleben ganz anderen Gefahren standhalten müssen als ihre Vorfahren. © Peter Hirth/​laif
Das Waldsterben und seine zugespitzte Darstellung lösten "die bis dato größte Umweltdebatte in der Bundesrepublik" aus, analysiert ein Forschungsprojekt der Freiburger Universität. Auch weil das Thema auf fruchtbaren Boden fiel. Ökologisch sensibilisiert war die Öffentlichkeit schon seit den Siebzigerjahren. Der Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums hatte viele aufgerüttelt. Atomgefahren, giftige Chemieprodukte in Spielzeugen oder Möbeln und auf den Feldern, die Abholzung der Regenwälder und auch schon der Klimawandel beunruhigten seither immer mehr Bürger. Ein Song der Popgruppe Abba traf die Weltuntergangsstimmung: Sorry, Cassandra, I misunderstood / Now the last day is dawning / Some of us wanted but none of us would / Listen to words of warning ("Tut mir leid, Kassandra, ich habe es missverstanden / Jetzt bricht der letzte Tag an / Einige von uns wollten, aber keiner von uns tat es: / Auf die warnenden Worte hören").

Für diese neu erkannte globale Ökokrise wurde die Tanne ohne Nadeln zum Sinnbild. Überleben ohne Wald, also ohne Sauerstoffproduzenten, ohne seine Kühlung, sein Wassersammeln, ohne Lebensräume für Tiere und Pflanzen, auch ohne gewohnte Schönheit, ohne Poesie? Die Frage trieb Menschen auf die Straße, in Bürgerinitiativen, in die Naturschutzverbände. Die Grünen, gerade frisch gegründet, zogen erstmals in den Bundestag ein. Kassandra rief laut. Und wurde, wenngleich nach jahrelangen Kontroversen, gehört: Kraftwerksbetreiber mussten Filter einbauen, Regionen Luftreinhaltepläne aufstellen, Fahrzeuge bekamen aus Brüssel Abgashöchstwerte verpasst. Ab 1985 gab es Katalysatoren, 1993 wurden sie Pflicht.

Und die Gegenmaßnahmen wirkten: Der Ausstoß von Schwefeldioxid aus Kraftwerken sank um über 70 Prozent. Die Luft wurde besser. Die Waldschäden breiteten sich nicht weiter aus. "Das Tränental war durchschritten", sagt Jürgen Bauhus. Der Wald wuchs wieder, über die Jahre sogar "üppig". Kassandra hatte, so schien es, ihren Fluch besiegt.

Doch just diese Wendung zum Guten ließ nun die Warnungen alt aussehen. Je länger sie her waren, desto entschlossener erklärten Feuilletonautoren, aber auch Wissenschaftler das Waldsterben zum medialen Konstrukt. Von einem "negativen Kassandrasyndrom" sprach etwa der Forstwissenschaftler Reinhard Hüttl, weil die Katastrophe nicht eingetreten sei. Die FAZ geißelte in einer Rückschau nach dreißig Jahren "die Natur der Hysterie", die von missionarischen Journalisten und Wissenschaftlern befeuert worden sei: "Der Wald lebt, die Glaubwürdigkeit liegt danieder."

Solche Kritiker haben auch einige gute Argumente. Viele Schlagzeilen waren in ihrer Verallgemeinerung überdreht, ja schon der Begriff Waldsterben liegt schief. Abgestorben waren einzelne Bäume, aber keine Wälder, und die Schäden waren laut Jürgen Bauhus auf einige Regionen wie den Bayerischen Wald, den Harz und den Schwarzwald begrenzt: "Die Titelseiten haben immer die gleichen, besonders stark betroffenen Orte gezeigt."

Auch sonst gab es Übertreibungen. "Die ersten großen Wälder werden schon in den nächsten fünf Jahren sterben", sagte zum Beispiel der Göttinger Forstwissenschaftler Bernhard Ulrich 1982. Jörg Müller, der wissenschaftliche Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, urteilt heute: "Die Szenarien mögen im Detail fachlich überzeichnet gewesen sein. Doch gesellschaftspolitisch waren sie wichtig, um Bürgern und Politik die Dringlichkeit des Problems vor Augen zu führen."

Eher berechtigt hingegen war die Sorge, dass Warnungen vor noch dramatischeren Ökokrisen wegen der Übertreibungen überhört werden könnten. Ähnlich wie in einer Fabel von Äsop: Ein Hirte scheucht ein Dorf aus Langeweile zweimal auf: "Der Wolf kommt!" Als der tatsächlich über die Schafe herfällt, hilft ihm niemand.

Auch eher robustere Arten wie Eichen und Buchen sind heute gefährdet

Warnende Schlagzeilen zum "Waldsterben" könnten heute also eine Hypothek sein. Tatsächlich sind die Berichte aus dem Wald leiser. Ausgerechnet jetzt, möchte man sagen, denn um den Wald steht es heute schlechter als damals. "Diesmal sind die Dimensionen der Schäden vielfach größer, die Bestände breitflächig abgestorben", sagt Bauhus. Die Hauptursache dafür ist komplexer, als der saure Regen es war: die Klimaerhitzung, und mit ihr immer häufigere Phasen ohne Niederschlag, dazu Sturzregen und Stürme. [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ] wie die Kastanienminiermotte und den Eichenprozessionsspinner oder auch alte wie den Borkenkäfer, der sich wegen zusätzlicher Vermehrungszyklen rascher ausbreiten kann. Auch eher robustere Arten wie Eichen und Buchen sind heute gefährdet. Und oft treffen die Folgen des Klimawandels Wälder, die noch unter den Belastungen der Achtzigerjahre leiden.

Die Auswirkungen von Flugaschen und Schwefeleinträgen von früher haben in einigen Regionen überdauert. "Der Waldboden hat leider ein gutes Gedächtnis", sagt Nicole Wellbrock, Expertin für Bodenschutz am Thünen-Institut, die die Waldzustandserhebung mit koordiniert hat. Außerdem ist die Belastung mit Stickstoffeinträgen aus der Luft nach wie vor erheblich. Zum einen sind dies Stickoxide aus Verbrennungsprozessen im Verkehr, in der Industrie und beim Heizen. Zwar haben Autos seit 1993 Katalysatoren, [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ]. Das hat einen großen Teil der Einsparungen wieder zunichtegemacht. Zum anderen wird Stickstoff aus der Landwirtschaft in die Wälder eingetragen und reichert sich dort an.

Bodenversauerung und -eutrophierung, Trockenheit: Wegen all dieser Faktoren bleiben Wurzeln oft im Oberboden – dort sind sie aber bei Dürren besonders empfindlich. Buchen werden angeregt, häufiger sehr viele Früchte zu tragen, etwa alle zwei statt alle sieben Jahre. In solchen Jahren aber wachsen ihnen weniger Blätter. Außerdem leiden Mykorrhiza, jene Symbiosen aus Feinwurzeln und Pilzen, die für die Nährstoff- und Wasseraufnahme der Bäume unersetzlich sind.

Wo ist Kassandra jetzt? Aus den Aufsätzen der Wissenschaftlerinnen hört man ihre Rufe seit vielen Jahren, und seit den letzten Dürresommern auch aus den Organisationen der Waldbesitzer. Aber kaum jemand achtet auf sie. Denn die Situation von heute ist viel komplexer als damals – und das macht das Weghören, das Nichtwissenwollen bequemer.

Währenddessen interagieren die verschiedenen Stressfaktoren miteinander und verstärken sich womöglich teils gegenseitig. Manche Wissenschaftler weisen dabei auch der [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ] eine Verantwortung für die Waldschäden zu. Diese sei auf dem "Holzweg", wie der Titel einer aktuellen Streitschrift konstatiert.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden vor allem Fichten und Kiefern gepflanzt, Nadelbäume also, die gut zu verarbeiten waren. Weil vor allem diese Arten nachgefragt wurden, pflanzte man sie auch an Standorten, wo sie schlecht angepasst waren. In Monokulturen standen sie stramm, gerade, alle gleich alt und anfällig für Stürme und Schädlinge. Viele angeschlagene Nadelbäume, viele Schädlinge: "Was jetzt passiert, hat die Wissenschaft genau so seit Jahren vorhergesagt", sagt Jörg Müller vom Nationalpark Bayerischer Wald. "In der Praxis wollte es aber kaum einer wahrhaben."

Seit den Neunzigerjahren sei zudem die Industrialisierung der Holzernte immer rigoroser vorangeschritten, kritisiert Pierre Ibisch. Er ist Biologe und Professor für Nature Conservation an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Schwere Erntemaschinen hätten Stämme und totes Holz aus dem Wald geräumt und den Boden verdichtet, sagt Ibisch. Die Waldflächen würden immer mehr fragmentiert, was sie anfälliger für Wind und Trockenheit mache.

Zitat:

Früher: Saurer Regen
Heute: Extremes Wetter


1979
Erstmals warnt der Forstwissenschaftler Bernhard Ulrich nach Forschungsarbeiten im Weserbergland vor einem Absterben der Bäume und verdächtigt als Ursache die Luftverschmutzung. Sein Kollege Peter Schütt vermeldet ähnliche Sorgen aus Bayern.

1980
Große Medienberichte setzen eine Debatte über die Ursachen des Waldsterbens in Gang. Einige Forscher vermuten, Trockenheit oder eine falsche Waldstruktur seien am Absterben der Bäume schuld. Doch bald steht der »saure Regen« im Fokus. Die Industrie wehrt ab. Die erste große Welle von Umweltprotesten in Deutschland ist nicht mehr aufzuhalten.

1983
Im Wahlkampf thematisieren alle Parteien das Waldsterben in ihren Kampagnen. Die erst 1980 gegründeten Grünen ziehen in den Bundestag ein. »Gelingt es uns nicht, diese Wälder zu retten, wäre die Welt, in der wir leben, nicht mehr wiederzuerkennen«, sagt der neue Bundeskanzler Helmut Kohl.

ab 1984
Filteranlagen werden in Kraftwerken und Fabriken Pflicht. Wenig später gibt es auch Auflagen für Fahrzeugemissionen. Gegen heftigen Widerstand der Industrie wird für Neuwagen ein Dreiwege-Abgaskatalysator vorgeschrieben. Nach dem Ende der DDR werden dort viele Braunkohlekraftwerke abgeschaltet, die Luftqualität verbessert sich deutlich.
Niemand weiß, wie genau sich das Klima ändern wird

Zitat:
Aktueller Stand der Schäden: Wo die Wälder in Deutschland besonders gefährdet sind

Die "mittlere Kronenverlichtung" ist das Maß der Forstwirte für den Anteil an Blättern oder Nadeln, die den Bäumen fehlen. Je höher dieser Wert ist, desto schlechter geht es ihnen.

Quelle: Thünen-Institut für Waldökosysteme, Eberswalde 2021, CLC 2018 © ZEIT-Grafik
Immerhin: Waldbauern und Forstbetriebe haben seit dem Waldsterben und besonders nach dem Sturm Kyrill im Jahr 2007 mehr Mischkulturen aus Laub- und Nadelbäumen angepflanzt. Darin lassen sie öfter als früher Totholz liegen, damit der Waldboden fruchtbarer wird und mehr Arten Unterschlupf finden. Aber das geschieht oft nur in kleinen Schritten – und reicht allein nicht aus. Der Wald steckt in einer Systemkrise. Diese fordert ein tieferes Eingreifen.

Doch wie könnte das aussehen? Darüber wird auch unter Forstbetrieben heftig gestritten. Die eine Fraktion fällt tote Bäume, transportiert alles ab und forstet neu auf – grob gesagt. Auf der Suche nach einer stabileren Mischung experimentiert sie unter anderem mit Libanon-Zedern, Douglasien und anderen Nadelgewächsen aus wärmeren Weltregionen, von denen man hofft, dass sie besser mit Trockenheit und Hitze umgehen können.

Die andere Fraktion setzt radikaler aufs Lassen, auf den sogenannten Naturwald. Totes Holz soll liegen und stehen bleiben, der Wald seine Ruhe kriegen, und Bäume sollen von selbst nachwachsen. Dann würden sich die am besten angepassten Varianten heimischer Arten durchsetzen. Im Wald stünde eine stabilere Mehrgenerationenfamilie aus mehr Baumarten. Damit stiege die Wahrscheinlichkeit, dass einige den drohenden Extremen trotzen.

Teils ungekannte Extreme – deshalb gestehen beide Seiten auch Ratlosigkeit ein. Niemand weiß, wie genau sich das Klima ändern wird, viele wissenschaftliche Fragen sind ungeklärt. Das ist umso brisanter, weil der Nutzungsdruck steigt: Zusätzlich zu all dem, was der Wald jetzt schon leistet, soll er künftig neuartige Rohstoffe produzieren, Textilfasern oder Baustoffe aus Holz etwa, um fossile Rohstoffe zu ersetzen. Und er soll noch mehr CO₂ speichern, womöglich in neuen Monokultur-Plantagen. Dabei deuten manche Studien darauf hin, dass die Wälder bei zunehmender Hitze und Trockenheit anfangen könnten, mehr Treibhausgas auszustoßen als aufzunehmen.

Um diese und weitere Wechselwirkungen zu ergründen, fordert Pierre Ibisch ein interdisziplinäres nationales Waldgutachten. Fachleute unterschiedlichster Disziplinen und Interessen sollen ihr Wissen zusammentragen. Auch Nicole Wellbrock sagt: "Alle müssten sich mal zusammensetzen und auf wissenschaftlicher Grundlage miteinander diskutieren." Kassandra als Mediatorin, das wäre nach der Funktion als ungehörte Warnerin eine ganz neue Rolle.

Eine Erkenntnis gilt nach vierzig Jahren als sicher: Schadstoff- und Klimagas-Emissionen müssen beide viel einschneidender verringert werden als bisher, und dafür braucht es einen grundsätzlichen Wandel. Nicht mehr nur Forstwirte und Jäger, sondern auch Landwirte, ja Stadt-, Energie- und Mobilitätsplaner werden in Zukunft mehr Rücksicht auf den Wald nehmen müssen. Waldbesitzer werden vielleicht fürs Nichtstun bezahlt, und [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ]. Das Holz, das dem Wald entnommen wird, muss auch sonst bewusster genutzt, zum Beispiel nicht mehr einfach verbrannt werden. Alles leichter gesagt als getan.

Bei Schiller heißt es über Kassandra, sie sei "Von den Glücklichen gemieden / Und den Fröhlichen ein Spott". Dass sie diese Verdrängungsmechanismen bei ihren Rufen nicht bedenkt, sei ein Grund dafür, dass Kassandra immer wieder scheitert – so hat es die Psychoanalytikerin Thea Bauriedl einmal geschrieben. Die tragische Heldin habe der Welt ihr Wissen vom unvermeidlichen Ende einfach entgegengeschrien, "ohne dabei die Angst vor diesen Prophezeiungen und die Angst vor den Veränderungen, die die Prophezeiungen fordern, zu berücksichtigen". Dieses ist auch für Journalistinnen herausfordernd.

Letztlich geht es bei der Rettung der Bäume um die Frage, was bedrohlicher ist: eine andere Art des Wirtschaftens oder ein Wald, der – nein, sterben wird er nicht. Aber er könnte seine Gestalt verändern und dabei einen erheblichen Teil seiner Kraft verlieren. Der Kraft, vielfältig Leben zu schaffen.

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Eine Erkenntnis gilt nach vierzig Jahren als sicher: Schadstoff- und Klimagas-Emissionen müssen beide viel einschneidender verringert werden als bisher, und dafür braucht es einen grundsätzlichen Wandel. Nicht mehr nur Forstwirte und Jäger, sondern auch Landwirte, ja Stadt-, Energie- und Mobilitätsplaner werden in Zukunft mehr Rücksicht auf den Wald nehmen müssen. Waldbesitzer werden vielleicht fürs Nichtstun bezahlt, und Konsumenten müssen aufhören, häufig neue Billigmöbel zu kaufen, statt Langlebigkeit bei Holzprodukten zu schätzen . Das Holz, das dem Wald entnommen wird, muss auch sonst bewusster genutzt, zum Beispiel nicht mehr einfach verbrannt werden. Alles leichter gesagt als getan.
Da sehe ich bei der Umsetzung aber einige Probleme. Massivholzmöbel sind teuer und passen nicht in unsere kurzlebige Designplanung und Wegwerfkultur. Dazu kommt noch der stark geworbene und staatlich geförderte Einbau von Pellet-Heizungen, die Nutzung von Kaminen und der Trend zum Holzhaus.
Sprich wir haben einen immer weiter steigenden Mehrbedarf an Holz. Das war so gewollt, das wurde als ökologisch sinnvoll vermarktet. Wenn nun angemahnt wird mit Holz verantwortungsvoller umzugehen bzw. es zu sparen hätte ich gerne passende Lösungsansätze, abgesehen von einem Überdenken seiner Konsumgewohnheiten, präsentiert.
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Standard Menschen mit einem neuen Bewußtsein bräuchte das Land!

Nur ein kleines Beispiel und ein klitzekleiner Ausschnitt aus meinen langjährigen Erfahrungen mit den Einstellungen vieler Menschen hier in einem kleinen Odenwalddorf.

Hier, in jenem kleinen Dorf, konnte ich über einen langen Zeitraum beobachten, daß es sehr vielen Menschen an einem Bewußtsein mangelt, daß ein Baum viel mehr ist als ein Rohstoff. Nicht selten werden Bäume hier als Hindernisse gesehen, die beseitigt werden müssen. Die Anzahl an Bäumen, die hier in den letzten Jahren "verschwunden" sind, haben das Landschaftsbild dramatisch verändert. Die Flurbereinigung hatte daran einen erheblichen Anteil. Ich gehe so weit zu behaupten, daß gerade die Flur"bereinigung" eine erhebliche Mitschuld trägt an dieser fatalen Einstellung, Bäume mehr als Hindernisse zu betrachten, die beseitigt werden müssen.

Entlang einer Straße wurden vor Jahren unzählige junge Bäumchen gepflanzt. Die Landwirte der an die Straße angrenzenden Wiesenflächen haben nach und nach diese Bäume ganz bewußt und gezielt mit ihren Traktoren wieder zerstört, weil sie ihnen ein Dorn im Auge waren.
Streuobstwiesen verschwinden. Bäume auf Privatgrundstücken verschwinden, ohne daß etwas nachgepflanzt wird.

Bäume machen "Dreck". Auf unserem Friedhof wurden gesunde Bäume gefällt, weil sie die Gräber der Toten im Herbst mit ihrem Laub "verdrecken" und Arbeit verursachen. Der Dreck verursachende Baum ist offensichtlich vollkommen inkompatibel zum Deutschen Granitplattengrab. Es gibt viele weitere erschütternde Beispiele für dieses fehlende Bewußtsein. Die Ursachen sind vielfältig und komplex.

Das gibt mir wenig Anlaß zur Hoffnung. Genau genommen: Gar keinen.
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Geändert von May Kasahara (30.04.21 um 15:17 Uhr) Grund: Titel geändert
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Klopperhorst
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Zitat:
Zitat von May Kasahara Beitrag anzeigen
Bäume machen "Dreck". Auf unserem Friedhof wurden gesunde Bäume gefällt, weil sie die Gräber der Toten im Herbst mit ihrem Laub "verdrecken" und Arbeit verursachen. Der Dreck verursachende Baum ist offensichtlich vollkommen inkompatibel zum Deutschen Granitplattengrab.
Der Trend geht ja jetzt sogar hin zu "Gärten" wo kein Fitzelchen Grün mehr zu sehen ist. Nur noch Kies, Betonplatten, Pflastersteine, Marmor und irgendwelche Stahl-Statuen. Da wird penibel jeder Grashalm abgeschnitten, der es wagt sich zu zeigen. Grauenhaft.
Aber mit dem Trend zum baumfreien Garten hast du Recht. Vor 20 Jahren hatten meine Eltern und die Nachbarn noch allerhand Bäume auf dem Grundstück. Vor allem Tannen und Birken. Ist alles der Motorsäge zum Opfer gefallen, damit der Blick auf den englischen Rasen und zum Steingarten nicht von irgendwelchen Bäumen verschandelt wird.
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