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Freikirchen: Gottesfürchtig und verschwörungsgläubig
Zitat:
Freikirchen
Gottesfürchtig und verschwörungsgläubig
Ein Pastor glaubt an die große Verschwörung: Als rechter Menschenfänger will der Leiter einer Berliner Freikirche Untergrundstrukturen für Ungeimpfte aufbauen.
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10. Dezember 2021, 11:37 Uhr

Verpackt in Gottesdienste werden in der Freikirche Verschwörungstheorien gestreut (Symbolfoto). © Priscilla Du Preez/unsplash.com
Um 19 Uhr fallen die Rollläden im Café Mandelzweig, einer freikirchlichen Gemeinde im Berliner Stadtteil Wedding. Wer jetzt noch gemeinsam mit Christian Stockmann Gott erleben will, muss sich vorher per SMS angemeldet haben. Nicht nötig sind Impfpass oder negativer Corona-Test. Vor dem Fürbittengebet warnt der Pastor freundlich lächelnd: "Es kann sehr intensiv werden." Wem das zu viel werde, könne kurz rausgehen und frische Luft schnappen, aber: "Bitte nicht die Tür offenlassen, sonst haben wir direkt wieder die Polizei hier drinstehen."
Doch die angebliche Corona-Diktatur schlägt nicht zu an diesem Abend. Es gibt Musik und Gesang, ab und an springt jemand aus dem Kreis der Gläubigen auf, spricht spontan ein Gebet und breitet die Arme aus. Ein anderer legt sich die Hand aufs Herz, schließt die Augen und seufzt "Halleluja", während Stockmann in Hingabe am Keyboard versinkt. Ein Überschuss an Ekstase ist in Freikirchen nicht unüblich. Die verschwörerische Hinterzimmeratmosphäre schon. Aber das Café Mandelzweig ist auch nicht irgendeine Freikirche, sondern zentraler Treffpunkt für Verschwörungstheoretiker in Berlin.
Schon zu Beginn der Pandemie war Pastor Stockmann überzeugt, dass die Corona-Krise die Apokalypse einläute: "Wir sind mittendrin im Buch der Offenbarung", sagte er in einer Predigt. Teuflische Mächte würden eine "Weltregierung" vorbereiten. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus verglich er mit der NS-Diktatur, was er in seiner Ansprache mit einem Hitlergruß unterstrich. Bald sprach und sang er auf mehreren Querdenker-Demonstrationen und gründete gemeinsam mit seiner Frau die Gruppe Christen im Widerstand. Der Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden hat sich inzwischen von dem Verschwörungsprediger distanziert.
Ein angeblicher Kampf gegen das Böse
In der Querdenker-nahen Partei Die Basis hat Stockmann eine neue Gemeinschaft der Gläubigen gefunden. Verschwörungsideologen treffen sich mittlerweile wöchentlich im Café Mandelzweig. In denselben Räumen bietet das Café Schuldnerberatung an oder lädt zur offenen Suppenküche. Berichten von Anwohnern zufolge soll sich Stockmann auch als Streetworker in der Trinkerszene am nahen Leopoldplatz versucht haben.
"Prediger wie Stockmann wirken durchaus sympathisch, die Stimmung in den Gemeinden ist angenehm bis kuschelig – aber nebenbei werden staats- und demokratiefeindliche Botschaften verbreitet", sagt der Theologe Martin Fritz. Für die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen hat er sich mit christlichen Gruppen am rechten Rand befasst.
Nicht wenige stammen aus dem freikirchlichen Bereich. Dort seien zum größten Teil seriöse und vernünftige Menschen anzutreffen – es gebe aber "bestimmte Frömmigkeitsformen", die Staat und Wissenschaft ablehnen: "Da gibt es die Vorstellung: Hier ist die fromme Gemeinde und da draußen die gottlose Welt – der dann auch der säkulare Staat zugerechnet wird." In diesem Punkt würden sich radikale Christen und verschwörungsgläubige Querdenker ähneln.
Stockmann sieht sich schon länger im Kampf gegen finstere Mächte. Aus seiner Sicht sind das zum Beispiel die "LGBTI-Bewegung" und die "Frühsexualisierung von Kindern", wie er in seinem Blog darlegt: "In Deutschland kämpfen wir (weiß) für JESUS, unseren König, und den Sieg des Guten – gegen die bösen Mächte (schwarz)." Zu den Mächten des Guten zählt er unter anderem die AfD und Erika Steinbach, die Vorsitzende der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung.
Fake News in der Freikirche
Mit Rechten und verschwörungsgläubigen Extremisten hat der Geistliche kein Problem: Stockmann steht dem Querdenken-Aktivisten und ehemaligen AfD-Politiker Heinrich Fiechtner nahe, der diesen Sommer zu Attentaten aufgerufen hat. Auch leugnet er auf dem Blog den menschengemachten Klimawandel, die Evolution und hetzt gegen Muslime. Aussagen, die Theologe Fritz nicht verwundern: "Am rechten Rand des freikirchlichen Spektrums ist Feindschaft gegen den Islam ein fester Topos."
Stockmanns Herzthema scheint allerdings der Kampf gegen die Corona-Impfung zu sein:
Stapelweise Broschüren liegen im Café Mandelzweig aus, in deutscher und russischer Sprache. Sie wirken auf den ersten Blick seriös, enthalten aber seitenweise falsche oder irreführende Behauptungen über die Impfung. Darin bezieht sich Stockmann auch auf den bekannten Corona-Verharmloser Sucharit Bhakdi. Der ehemalige Mediziner hat zwei Bücher voller Falschinformationen über das Virus auf den Markt gebracht und war Bundestagskandidat für Die Basis. In einem Interview behauptete er außerdem, die Juden hätten während der NS-Zeit "das Böse" gelernt und würden es nun in Israel umsetzen – in Form der Corona-Maßnahmen.
Auf Störungsmelder-Anfrage teilt Stockmann mit, es sei "völlig absurd", Bhakdi als Antisemiten zu bezeichnen. Auch die Nähe der Querdenker-Szene zu bekannten Rechtsradikalen bestreitet er: "Wer weiß auch, wie die da überhaupt reingeschleust worden sind." Überhaupt, er sehe sich nicht als Teil der Berliner Querdenker-Szene, sondern als "einen überzeugten Nachfolger Jesu, der zu biblischen Werten steht"
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Inzwischen hat Stockmann offenbar einen neuen Auftrag von seinem Herrn empfangen: Da angeblich bald alle Menschen auf der Welt zur Impfung gezwungen würden, brauche man dringend "Untergrundorte, wo wir uns so treffen, dass niemand das mitbekommt", so lautet sein Appell in einem YouTube-Video. Man müsse Bauernhöfe in Ungarn, Sachsen oder Österreich kaufen. Der Prediger ist ganz beseelt von der Idee: "Wir werden mit unserem Gott mächtige Taten tun", sagt er an seine Anhänger gerichtet – "Amen".
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