Afghanistan Der Taliban-Vormarsch droht die militärische Niederlage des Westens am Hindukusch zu potenzieren. Sollte die US-Armee eingreifen und die Bundeswehr hilfreich sein?
Die Bundeswehr muss sich ein zweites Mal geschlagen fühlen. Erst gibt es den fluchtartigen Rückzug im Frühsommer, nun erobern die Taliban mit Kundus eine Stadt, durch die vor nicht allzu langer Zeit noch deutsche Schützenpanzer patrouillierten. Einmal mehr wird plausibel, weshalb Regierungspolitiker wie Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer oder Außenminister Maas auf Distanz gingen, als am 30. Juni die letzten 264 Bundeswehrangehörigen vom Hindukusch kommend in Wunstorf bei Hannover landeten. Abstand halten verhieß aussitzen können, wie prekär und peinlich das Afghanistan-Abenteuer für Deutschland und den Westen insgesamt endet.
Die Bundeswehr muss sich ein zweites Mal geschlagen fühlen. Erst gibt es den fluchtartigen Rückzug im Frühsommer, nun erobern die Taliban mit Kundus eine Stadt, durch die vor nicht allzu langer Zeit noch deutsche Schützenpanzer patrouillierten. Einmal mehr wird plausibel, weshalb Regierungspolitiker wie Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer oder Außenminister Maas auf Distanz gingen, als am 30. Juni die letzten 264 Bundeswehrangehörigen vom Hindukusch kommend in Wunstorf bei Hannover landeten. Abstand halten verhieß aussitzen können, wie prekär und peinlich das Afghanistan-Abenteuer für Deutschland und den Westen insgesamt endet.
Vietnam der Sowjets
Als Ende der 1980er Jahre eine dschihadistische Guerilla gegen die sowjetischen Besatzung aufstand und Herr im eigenen Land sein wollte, fanden das westliche Beobachter absolut legitim. Die USA unter Präsident Ronald Reagan rüsteten diese Verbände mit modernen Waffen aus, ob es sich nun um die wahrlich radikalislamische Partei Hezb-i-Islami des Gulbuddin Hekmatyar handelte oder die seinerzeit erst im Aufbau begriffenen Taliban. Entscheidend war, das diese mehrheitlich islamistischen Rebellen der Sowjetarmee schwere Verluste zufügten, sodass deren Abzug bei fast 13.500 Gefallenen im Februar 1989 unausweichlich wurde. Der damit verbundene internationale Prestigeverlust, nicht zuletzt im eigenen Lager, war enorm und half Gorbatschow bei der Demontage des Ostblocks.
Momentan ist das Vorankommen der Taliban wohl auch deshalb kaum aufzuhalten, weil eine zurückweichende, nicht unbedingt kampfstarke, eher kampfunwillige Nationalarmee (ANA) dem wenig entgegensetzen kann oder will. Womit eine weitere, hierzulande stets bereitwillig kolportierte Meta-Erzählung über die westliche Afghanistan-Präsenz zur Legende schrumpft. Wurden diese Streitkräfte nicht jahrzehntelang u.a. von der Bundeswehr ausgebildet und mit NATO-Equipment ausgerüstet? Hatten sie nicht die besten Voraussetzungen Kampfstärke zu tanken?
Einst 200.000 NATO-Militärs
Und war nicht ab Januar 2015 die (ISAF-)Nachfolgemission „Resolute Support“ offiziell dem Ziel gewidmet, afghanische Militärs zu beraten, zu trainieren und zu führen. Wer dachte an ein solch desaströses Ergebnis, wie es jetzt offenbart wird? Schließlich war stets die Rede von 350.000 afghanischen Soldaten, Polizisten und Sicherheitsdiensten, die man unter Waffen halte, u.a. bezahlt mit ausländischen Hilfsgeldern, von einer permanenten logistischen Unterstützung durch die NATO ganz zu schweigen. Sind diese Formationen den Taliban, die bisher nie über mehr als 60.000 Kombattanten verfügten, nicht überlegen, sondern klar unterlegen, würde das die militärische Niederlage des Westens, der USA und der NATO, potenzieren.
Zwischen 2010 und 2014, nicht zuletzt durch Präsident Obamas Truppenaufstockungen, befanden sich gut 200.000 NATO-Militärs auf diesem Kriegsschauplatz. Sollte das die Taliban eher gestärkt als geschwächt haben, kann es dafür nur eine Erklärung geben: Sie zehren vom Beistand oder zumindest der Billigung durch die Bevölkerung, zumindest im ländlichen Raum. Wenn das so ist, sollte man das Land nicht leichtfertig verlorengeben, sondern den Anspruch auf Selbstbestimmung auch dann gelten lassen, wenn er sich unter den derzeitigen Umständen Geltung verschafft.
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Weder die UdSSR noch die NATO konnten in Afghanistan dauerhaft Fakten schaffen. Selbst die Mujahidin hatten keine vollständige Kontrolle über den Vielvälkerstaat. Das Land kann man nicht mit einer zentralen installierten Regierung befrieden. In AFG haben schon immer die Stämme entschieden und der Präsident hatte nicht mal in Kabul die ganze Macht. Nicht ohne Grund war der Spottname des früheren Präsidenten Karzais "Bürgermeister von Kabul"
Die Taliban hätten aktuell ohne die Unterstützung der Stämme nie Boden gewonnen.
Heute wieder fremde Soldaten an den Hindukusch zu entsenden wäre die Wiederholung eines Fehlers ... vieler Fehler vergangener Jahrzehnte.
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Theodor Fontane Das Trauerspiel von Afghanistan
1859
Text:
Der Schnee leis‘ stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
»Wer da!« – »Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.«
Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.
Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:
»Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.
Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.«
Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘,
Sir Robert sprach: »Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.
Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!«
Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.
Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.
»Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.«
Die Nationalarmee leidet unter niedriger und unregelmäßiger Besoldung, das senkt die Moral in's bodenlose.
Die Taliban werden von den meisten Stämmen unterstützt, denn die Taliban Kämpfer stammen aus ihren Reihen. Einige Stammesfürsten haben über 1.000 Kämpfer unter Waffen und sind schlicht Kooperationen eingegangen. Ihr Schlafmohnanbau und Raffinerie bleibt unbehelligt und die Taliban bekommen dann Unterstützung.
20 Jahre waren die USA (und Verbündete) dort und haben in der Zeit 2,26 Billionen USD verbraten, davon 815,7 Milliarden (ca. 36 Prozent) für die Kriegsführung. Zum Vergleich: 40,1 Milliarden (0,17 Prozent...) sind für den Aufbau der Infrastruktur, Bildung und humanitäre Hilfe abgezweigt wurden.
Was hat's den Afghanis am Ende, von 'nem Haufen Leichen abgesehen, gebracht? Hier ein paar Beispiele:
Lebenserwartung gestiegen von 56 auf 64 Jahre
Alphabetisierung um 8 Prozent gestiegen (auf knapp 43 Prozent)
Zugang zu klarem Wasser gestiegen von 16 auf 89 Prozent
Momentan ist das Vorankommen der Taliban wohl auch deshalb kaum aufzuhalten, weil eine zurückweichende, nicht unbedingt kampfstarke, eher kampfunwillige Nationalarmee (ANA) dem wenig entgegensetzen kann oder will. Womit eine weitere, hierzulande stets bereitwillig kolportierte Meta-Erzählung über die westliche Afghanistan-Präsenz zur Legende schrumpft. Wurden diese Streitkräfte nicht jahrzehntelang u.a. von der Bundeswehr ausgebildet und mit NATO-Equipment ausgerüstet? Hatten sie nicht die besten Voraussetzungen Kampfstärke zu tanken?
Bizarre Lesung der Lage. Erstens kämpft die ANA. Die stehen aber militärisch schon alleine deswegen auf verlorenem Posten, weil die keine brauchbaren Multiplikatoren (Luftnahunterstützung, Aufklärung, etc.) haben. Ohne diese wäre jede andere Armee in selben Umständen genauso überfordert.
Bizarre Lesung der Lage. Erstens kämpft die ANA. Die stehen aber militärisch schon alleine deswegen auf verlorenem Posten, weil die keine brauchbaren Multiplikatoren (Luftnahunterstützung, Aufklärung, etc.) haben. Ohne diese wäre jede andere Armee in selben Umständen genauso überfordert.
Ihnen ergeht es nun wie der ARVN. Mit allen dazugehörigen Parallelen. Lerneffekt Seitens der Amerikaner und der westlichen Verbündeten seitdem de Facto Null, wie man nun staunend mitverfolgen darf.
Die USA unter Präsident Ronald Reagan rüsteten diese Verbände mit modernen Waffen aus, ob es sich nun um die wahrlich radikalislamische Partei Hezb-i-Islami des Gulbuddin Hekmatyar handelte oder die seinerzeit erst im Aufbau begriffenen Taliban.
Die Amerikaner lieferten allerdings keine AK 47 (die kamen bzw. kommen mehr aus Pakistan etc.), sondern Boden-Luft-Raketen gegen die Hind-Helikopter der Sowjets.