Zitat:
München hat die Erich-Kästner-Straße auf eine Liste mit Namen gesetzt, bei denen es „Erläuterungsbedarf“ geben könnte. Nicht einmal ein Dichter, dessen Bücher von den Nazis verbrannt wurden, ist noch vor der moralisierenden Besserwisserei unserer Verwaltungen sicher.
Erich Kästner hat noch einmal Glück gehabt. Die Stadt München beabsichtigt ausdrücklich nicht, die Erich-Kästner-Straße umzubenennen, wie es einige Medien gemeldet hatten. Das wäre ja auch wirklich erstaunlich gewesen bei einem Autor, dessen Bücher von den Nazis verbrannt wurden und der sich in seinem lyrischen Werk mit den Verheerungen des Ersten Weltkriegs und der seelischen Verrohung einer ganzen Generation junger Männer – seiner Generation – auseinandersetzt. Einer Verrohung, die den Nazi-Terror, den er kommen sah, mit ermöglicht hat.
Für ganz und gar unbedenklich scheinen die Mitarbeiter des Münchener Stadtarchivs Kästner aber doch nicht zu halten: Seine Straße steht immerhin auf einer Liste von 320 Straßennamen, bei denen es „Erläuterungsbedarf durch zusätzliche Beschilderung“ geben könnte (anscheinend wird ihm angekreidet, dass er in der NS-Zeit nicht ins Exil ging). Man wüsste nur zu gern, was die Archivare bei Kästner so beschildern würden: „Seine Bücher wurden verboten, aber im Widerstand war er nicht“? Oder: „Er war zwar ein Opfer der Bücherverbrennungen, hat seinen Beruf aber nicht aufgegeben, sondern sich feige in das Schreiben von Kinderbüchern geflüchtet“?
Natürlich gibt es eindeutige Fälle von Namenspatronen (Hitler, Stalin), über die man nicht zu reden braucht, an solchen Adressen will niemand wohnen. Es gibt sicher auch Fälle, in denen Erläuterungen zur politisch-historischen Ambivalenz eines Namensgebers (Hindenburg, Rommel) angebracht sind. Was es aber auf jeden Fall im Übermaß gibt, ist eine Mischung aus moralisierender Besserwisserei und Naivität in den Kommunalparlamenten und -verwaltungen.
Aus dem sicheren Heute werden Maßstäbe an historische Persönlichkeiten angelegt, an denen man die umbenennungswütigen Kommunalgrößen gern einmal selbst gemessen sehen würde. Und: Durch das Überschreiben der Vergangenheit, durch das Entfernen von Denkmälern, das Leerräumen von Museen lässt sich auch die schrecklichste Geschichte nicht ungeschehen machen. Man kann Leid und Unrecht nicht rückwirkend aus der Welt schaffen. Man kann nur aus dem Gestern für die Zukunft lernen.
Doch dafür muss ein Gestern existieren dürfen. In seinen Epigrammen schrieb Erich Kästner 1950: „Die Erinn’rung ist eine mysteriöse/ Macht und bildet die Menschen um./ Wer das, was schön war, vergißt, wird böse./ Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm.“
|
Quelle: [
Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ]
Mein Lieblingsgedicht von Kästner:
Die Entwicklung der Menschheit
Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.
Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.
Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.
Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.
Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.
So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.