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Sie wissen, wo er wohnt
Zitat:
Fridays for Future
Sie wissen, wo er wohnt
Vor zwei Jahren gründete Jakob Springfeld in Zwickau eine Fridays-for-Future-Ortsgruppe. Damals ahnte er nicht: Wer hier fürs Klima kämpft, wird auch von Nazis bedroht.
Von [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ], Zwickau 3. Juni 2021, 20:09 Uhr

Jakob Springfeld ist Klimaaktivist aus Zwickau. Für seinen Aktivismus wird er seit zwei Jahren von Nazis bedroht. © Martin Neuhof
Am Zwickauer Hauptmarkt sammeln sich Familien mit Kindern vor der Eisdiele Dolce Freddo, zwei Herren auf Fahrrädern unterhalten sich, ab und zu rattert eine Tram vorbei. Am Rathaus wartet der Zwickauer Klimaaktivist Jakob Springfeld, eine schwarze Regenjacke der Band Feine Sahne Fischfilet über dem schwarzen Kapuzenpulli, Fight Fascism steht auf seiner Brust. Am Vorabend ist der 19-Jährige in Zwickau angekommen, hier ist er geboren und aufgewachsen.
Seit zwei Jahren nun bekommt Jakob Hassnachrichten. Und seit zwei Jahren hat er ständig Angst, Angst vor rechter Gewalt. Denn er hat hier in [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ] 2019 mit Freund*innen die lokale Ortsgruppe von Fridays for Future gegründet. Damals habe er nicht geahnt, was Klimaaktivismus in dieser Stadt bedeutet, sagt Jakob. Heute gibt es kaum noch einen Ort, den er nicht mit Rechts*******n verbindet.
Zwickau ist mit 90.000 Einwohner*innen die viertgrößte Stadt Sachsens, sie hat ein Rathaus aus dem 15. Jahrhundert und einen Schwanenteich mitten im Zentrum. Gemütlich wirkt Zwickau, fast ein wenig unscheinbar. Doch der [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ] (NSU) plante nicht zufällig von hier aus seine Morde. Denn in Zwickau gab und gibt es eine umfangreiche lokale, rechtsextremistische Szene; ihr wurden 2019 laut dem [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ] zwischen 250 und 300 Menschen zugerechnet. Und bei den Stadtratswahlen 2019 erhielt die AfD 21,85 Prozent der Stimmen.
Wenn du in einer Stadt wie Zwickau klimamäßig aktiv bist, musst du dich auch antifaschistisch positionieren.
Jakob Springfeld
Von Weitem sieht Jakob an einer Straßenlaterne einen Sticker kleben: "Nazi Kiez". Der große und sehr schlanke junge Mann geht hin, die braunen Haare fallen ihm wuschelig in die Stirn, und versucht ein paar Sekunden, den Aufkleber abzukratzen. Ganz lässt er sich nicht lösen, aber mit einem angerissenen "Na Kie" gibt er sich zufrieden. Wenige Meter von hier, erzählt er, fand im Mai 2019 die erste Fridays-for-Future-Demonstration in Zwickau statt, die er mitorganisiert hatte. 800 Leute kamen.
Es lässt sich etwas ändern
"Ich war damals gar nicht so ein umweltbewusster Mensch, der sich krass viele Gedanken über das Klima gemacht hat", sagt Jakob heute. Aber für Politik interessierte er sich schon. Sein Vater hatte im Jahr 2015 zwischen Geflüchteten und Zwickauer Familien Begegnungen organisiert, bei denen Jakob oft dabei war. Man traf sich sonntags in der Kirche, trank Tee, spielte, tauschte sich aus. Als er seinen Mitschüler*innen von dem Projekt erzählte, hätten die meisten es klasse gefunden, sagt Jakob. Aber vereinzelt habe es Kommentare gegeben, die ihn schwer irritierten. Zum Beispiel, dass es alles Kriminelle seien, die da kämen. "Solche rassistischen Sprüche", sagt Jakob, er habe das so nicht stehen lassen wollen, sondern seinen Mitschüler*innen klarmachen, "dass das Menschen sind, genau wie wir", wie er sagt. An seinem Gymnasium organisierte er daher am sozialen Tag eine Schatzsuche für geflüchtete Kinder, damit seine Mitschüler*innen die Kinder kennenlernten, die neu in ihre Stadt gekommen waren. Diese Aktion wurde ein Erfolg: "Danach hat keiner mehr was Negatives gesagt, ohne dass Widerspruch kam." Und Jakob hatte erlebt, dass er etwas ändern konnte, wenn er sich engagierte. Hier legte er den Grundstein für seinen Aktivismus.
Jakob grüßt einen vorbeifahrenden Fahrradfahrer mit Namen, in der linken Szene in Zwickau kennt man sich. Alleine war er bei politischen Aktionen nie, das ist Jakob wichtig, er möchte nicht als Einzelkämpfer dargestellt werden. Vielmehr sieht er sich als Teil eines kollektiven Zwickauer Widerstands gegen Rechts*******, woraus auch das lokale [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ] entstanden sei. Diese Ende 2018 für Deutschland neue Jugendbewegung motivierte Jakob. Er informierte sich über den Klimawandel, setzte sich mit den Konsequenzen für unsere Umwelt auseinander und beschloss, mit weiteren Teenagern eine Ortsgruppe zu gründen. Was sie damals nicht ahnten: "Wenn du in einer Stadt wie Zwickau klimamäßig aktiv bist, musst du dich auch [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ] positionieren."
Jakob wird zum Feindbild der Rechten
Seine Eltern fanden es toll, dass ihr Sohn Fridays for Future in Zwickau mitgründete, schließlich gehe der Klimawandel alle etwas an, sagt Christiane Springfeld, egal wie alt man sei. Sie und ihr Mann hätten ihren Sohn zu manchen Demos begleitet. "Wir waren beeindruckt von Jakob, wie er ganz vorne auf den Demos mitging und Parolen vorbrüllte, die dann Hunderte Gleichaltrige mitschrien", erzählt Peter Springfeld am Telefon.
Sobald die Klimademos regelmäßiger stattfanden, kam es vermehrt zu Zusammenstößen mit Rechten, erzählt Jakobs Vater. Einmal hätten sie zum Beispiel bei einer Fridays-for-Future-Demo den Lautsprecher abgeschaltet. "Die Typen stellten sich mit ihren Autos rund um den Platz auf", erzählt Peter Springfeld, der dabei war, "die Motoren dröhnten. Sie wollten stören." Seinem damals minderjährigen Sohn habe er angesehen, dass er nicht recht wusste, was zu tun war. "Ich hatte solch eine Wut im Bauch", sagt der Vater.
Pöbeleien und Anfeindungen gehörten fortan zu jeder Kundgebung. Doch im September 2019 erreichte die Bedrohung für Jakob ein neues Niveau. Rechte filmten die meist minderjährigen Protestteilnehmer*innen aus einem Auto heraus, Jakob bat sie als Demonstrationsleiter, damit aufzuhören. Wenige Tage später fand er auf der russischen Social-Media-Seite VKontakte ein Foto von sich, auf dem zu sehen war, wie er sich zum Autofenster beugte. In einer Sprechblase über ihm stand: "Fährst du Diesel, du Nazi?" Darunter las er Kommentare und Drohungen wie: "Ich hoffe, du hörst bald auf zu atmen" oder "Eins in die Fresse schlagen, bis du das Deutschlandlied singst". VKontakte wird in Deutschland von Rechts*******n oft zum Austausch genutzt, weil nach deren Ansicht diese Plattform weniger von staatlichen Stellen kontrolliert wird als andere. Jakob wusste, dass sein Gesicht spätestens seit diesem Posting in der gesamten rechten Szene Zwickaus bekannt war. Die Rechts*******n hatten sich auf die Fridays-for-Future-Aktivist*innen als Gegner*innen eingeschworen, das war klar.
Ich laufe viel paranoider durch die Stadt als früher.
Jakob Springfeld
Doch Jakob wollte sich davon nicht einschüchtern lassen. Er machte die Mitfilmaktion der Rechts*******n seinerseits auf Twitter und Instagram öffentlich und schrieb dazu: "Wir bleiben friedlich, laut und antifaschistisch stark für eine sozial gerechte, offene und klimagerechte Welt!!!" Die Fridays-for-Future-Aktivist*innen in Zwickau positionieren sich nicht nur gegen die Klimapolitik, sie setzen sich auch gegen Rechtsextremismus ein.
Und als am 4. Oktober 2019 Rechte einen Gedenkbaum eines Opfers des NSU, [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ], zerstörten, organisierte Jakob mit Mitschüler*innen und Fridays-for-Future-Mitstreiter*innen eine Schweigeminute. Auf Twitter schrieb er: "Wir haben auf dieses Image unserer Stadt keinen Bock mehr." Bundesweit wurde über die Aktion [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ]. Für Jakob war ab jetzt der Kampf für mehr Klimagerechtigkeit nicht mehr vom Kampf gegen Rechtsextremismus zu trennen. Umso mehr wurde seine Person zum Feindbild der Rechten.
Angst – ein sauekliges Gefühl
Jakob weist vom Hauptmarkt zu einer nahegelegenen Tramhaltestelle: Auch dieser harmlos scheinende Ort ist für ihn mit einer unangenehmen Situationen verknüpft. Mitte 2019 gegen 19 Uhr abends wartete er hier auf dem Weg nach Hause von einem Orgatreffen. Drei Typen, bullige, junge Männer mit Glatze, doppelt so breit wie der damalige Schüler, erkannten ihn und beschnipsten ihn mit brennenden Zigarettenstummeln, sie beleidigten ihn als "Hurensohn" und "dummer Zeckenspast", so erzählt es Jakob. Er habe nichts erwidert, habe nicht provozieren wollen, er sei der einzige Aktivist weit und breit gewesen. Er habe gewusst, dass er den Pöbelnden körperlich nichts entgegenzusetzen hatte, die aber hätten vielleicht nur auf eine Gelegenheit gewartet, ihm Gewalt anzutun. Also schwieg er. Eine Taktik, die er im direkten Umgang mit seinen Angreifer*innen verfolgte, seit die Anfeindungen angefangen hatten. "Innerlich kochst du, während du dir irgendwelche Beleidigungen gefallen lässt", sagt Jakob. "Das ist ein sauekliges Gefühl."
An diesem Tag hatte er Glück, ein Gamer mit Kopfhörern und langen Haaren, der ebenfalls an der Haltestelle wartete, fragte die drei, was Jakob ihnen getan hätte. "Es tat gut, zu sehen, dass es auch Leute gibt, die nicht nur still danebenstehen, [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ]", sagt Jakob dazu.
Die Zwickauer Krux
Aber die Konfrontationen mit den Rechten belasteten ihn. Jakob wurde auf der Straße angespuckt oder musste nach einer Fridays-for-Future-Demo in der Innenstadt mit seinen Mitstreiter*innen vor zehn vermummten Gestalten wegrennen. "Es passierte ständig irgendwas", sagt er. Wenn er in der Stadt unterwegs ist, scannt er jede entgegenkommende Person. Schaut sie ihn schräg an? Kennt er sie? Ist sie eine Gefahr für ihn? Er fühlte sich nicht mehr sicher in seiner Heimatstadt – auch weil die Nazis wussten, wo er wohnte.
Jakobs Elternhaus steht in einer Wohnsiedlung etwa 25 Gehminuten von der Zwickauer Innenstadt entfernt. Alles ruhig, Vorgärten, Kleinstadtidylle. Vergangenes Jahr saß Jakob hier mit seinen Eltern am Tisch und trank Kaffee, als er einen der Organisator*innen der rechts*******n Partei Der III. Weg durchs Fenster sah. Dieser beklebte den Briefkasten der Springfelds und die umliegenden Straßenlaternen mit Nazistickern. "Ich hatte übelst Schiss", sagt Jakob. Er rief Freund*innen an und fragte, was er tun sollte. Den Rat, zur Polizei zu gehen, befolgte er nicht, schließlich sei der Mann schon wieder weg gewesen.
Ein Jahr ist das her. Seither verfolgt die Angst vor einem Übergriff Jakob, egal, wohin er in Zwickau geht. "Ich laufe viel paranoider durch die Stadt als früher", sagt er. Wenn es abends dämmert, ist er in der Regel nicht mehr alleine unterwegs, selbst tagsüber und in Begleitung fühlt er sich nicht wirklich sicher.
Sich und andere schützen
So geht es vielen linken Aktivist*innen in Zwickau, daher versuchen sie, der Angst mit gegenseitiger Unterstützung zu begegnen. Sie geben sich zum Beispiel übers Telefon Bescheid, wenn sie in bedrohliche Situationen kommen. Letztens meldeten sich Freund*innen von Jakob, sie seien in einer Aral-Tankstelle eingekesselt, ob sie jemand abholen könne? Nazis hätten sie abgepasst und verbal bedroht. Sie seien in die Tankstelle geflohen, die Rechten warteten nun draußen. Nach dem Hilferuf kamen Freund*innen und sammelten sie mit dem Auto ein, erzählt Jakob. "Wenn du jede Woche mindestens eine solche Story aus Zwickau hörst, dann geht die Angst nicht mehr weg", sagt er, "sie wird zur Normalität. "
Ich glaube daran, dass wir in der Zukunft noch mehr werden.
Jakob Springfeld
Aus diesem Grund wollen sich manche Zwickauer*innen nicht offen gegen die Rechtsextremist*innen aussprechen, auch wenn sie selbst als links einordnen. Einer von ihnen ist der Künstler Rico G., der mit anderen die Kunstplantage organisiert, einen Treffpunkt der alternativen Szene der Stadt, der auch für Jakob ein wichtiger Ort ist. Rico ist gerade dabei, mit Metallspachteln eine poröse Mauerschicht abzukratzen, seine schwarze Hose ist voller Farbkleckse, die Kapuze seines schwarzen Pullis hat er über seine Cap gezogen. Vor wenigen Tagen haben Antifa-Aktivist*innen hier ein großes Graffiti gesprüht, Rechts******* haben es anschließend mit Hakenkreuzen übermalt. Rico ist sauer auf die Antifa: "Wenn die Antifa uns so ein Graffiti an die Wand malt, wird die Kunstplantage zur Zielscheibe. Im Netz konnte man Drohungen lesen, man müsse das Gelände abfackeln", sagt er.
Jakob schüttelt leicht den Kopf. "Aber man muss sich doch positionieren", entgegnet er. Rico zuckt die Schultern: "Ich habe zwei kleine Kinder – ich will, dass die hier unbeschwert spielen können und keine Angst vor vermummten Nazis haben müssen." Jakob versteht Rico. "Das ist die Krux in Zwickau", sagt er. "Nur wenige wollen sich klar gegen rechts positionieren, weil sie Schiss davor haben, in deren Schussfeld zu geraten." Dass einige es trotzdem tun, macht Jakob stolz: "Ich glaube daran, dass wir in der Zukunft noch mehr werden", betont er.
Vergangenen Herbst ist Jakob nach Halle gezogen, um dort Politikwissenschaften zu studieren. Da aufgrund der Pandemie alles online stattfindet, ist er weiterhin oft in Zwickau. Jedes Mal, wenn er im Zug zurück zu seiner Studi-WG sitzt, merkt er, wie sich die Anspannung in seinem Bauch löst. In Halle kennt ihn nicht jeder und jede lokale Rechts*******. In Halle muss er nicht ständig mit Angst durch die Straßen gehen.
Trotzdem will er nach dem Studium zurück nach Zwickau. Aufgeben und Zwickau den Rechten überlassen, kommt für ihn nicht infrage. "Die geile Seite an Zwickau ist der Widerstand. Wir lassen uns nicht verjagen."
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#2
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Das Ziel der Rechten sind die "befreiten Zonen" und gerade der Bereich Chemnitz-Zwickau-Stolberg ist eine Hochburg Rechter Umtriebe. Angst, Einschüchterung, körperliche Gewalt und sogar Mordversuche sind bereits passiert. Man muß aber dazu sagen, der Rückhalt in der Bevölkerung ist dort sehr hoch und Chemnitz waren vor dem Tod von Daniel schon regelmäßige abendliche Hetzjagden auf erkennbare Linke oder Ausländer.
Es berichteten auch verschiedene Sender und Zeitungen darüber und als dann der Mord an Daniel stattfand, die Ausschreitungen, Hetzjagden, stellte sich der Präsident des Bundesverfassungsschutzes hin und redete alles klein und harmlos. Diese Ecke hat ein riesen Problem mit Rechten. Im Stadrat Zwickau ist die AfD zweitstärkste Kraft mit 11 Sitzen. Die CDU ist hauchdünne 0,13 % besser und hat auch 11 Sitze.
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