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20. Jahrestag der NSU-Mordserie: Enver Şimşek, das erste Opfer des Wahnsinns

 
 
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Ungelesen 09.09.20, 13:44   #1
BLACKY74
Chuck Norris sein Vater
 
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Standard 20. Jahrestag der NSU-Mordserie: Enver Şimşek, das erste Opfer des Wahnsinns

Zitat:
20. Jahrestag der NSU-Mordserie
Enver Şimşek, das erste Opfer des Wahnsinns

Vor 20 Jahren begann der NSU zu morden: In Nürnberg wurde der Blumenhändler Enver Şimşek von mehreren Kugeln getroffen. Haben sein Tod und der NSU-Prozess die Gesellschaft verändert?



In Hannover demonstrieren Hunderte Menschen im Juli 2018 für eine weitergehende Aufklärung der NSU-Morde
Foto: Tim Wagner / imago images
Von Julia Jüttner
09.09.2020, 11.44 Uhr

Enver Şimşek wusste schon als junger Mann genau, was er wollte. Seine Angehörigen erzählen, wie Şimşek mit 18 Jahren in Salur, einem Dorf in der türkischen Provinz Isparta, seine Frau heiratete. Es war keine versprochene oder arrangierte Hochzeit, Enver und Adile Şimşek heirateten aus Liebe, sagt Adile. Ihr hätten sein Ehrgeiz, sein Fleiß, seine Tüchtigkeit imponiert. Sie gingen nach Deutschland, wo Adiles Vater lebte. Hier wurden 1986 ihre Tochter und ein Jahr später ihr Sohn geboren.

Enver Şimşek war ein ehrgeiziger Mann. Ein "Gastarbeiter", wie man damals sagte, mit einem großen Traum im Gepäck: Wenn er es sich eines Tages leisten könnte, wollte Enver Şimşek Blumenhändler werden. Er liebte Blumen.

Er arbeitete in einer Fabrik am Fließband, er montierte Autoteile zusammen. Freiwillig übernahm er Nachtschichten, wegen des Zuschlags, und machte Überstunden. Nach Feierabend schuftete er weiter: Im Keller des Hauses, in dem er mit seiner Familie wohnte, band er Blumen zu Sträußen und verkaufte sie am Wochenende am Straßenrand. Irgendwann kündigte er seinen Job und machte sich mit einem Blumenhandel selbstständig, eröffnete Läden und Stände. Auf seinem Lieferwagen stand: "Şimşek Blumen".

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Enver Şimşek arbeitete jetzt sieben Tage die Woche, wie seine Angehörigen erzählen. Denn der zweifache Vater hatte noch einen Traum: Eines Tages wollte er wieder in seinem Heimatdorf Salur leben, umgeben von den Bergen und den Menschen, die ihm Zeit seines Lebens vertraut blieben.

Enver Şimşek kehrte dorthin vor fast 20 Jahren zurück - als toter Mann. Er ist das erste bekannte Mordopfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" ([ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ]).

Am 9. September 2000, zwischen 12.45 und 14.15 Uhr, wurde Enver Şimşek in seinem Transporter an einem Parkplatz in Nürnberg-Langwasser niedergeschossen: vier Schüsse in den Kopf, einer in den linken Augapfel, drei Schüsse trafen ihn, als er bereits am Boden lag. Seine Mörder verwendeten zwei Waffen. Anschließend machten sie ein Foto von Enver Şimşek, wie er schwer verletzt in seinem Lieferwagen lag. Das Bild taucht im sogenannten Paulchen-Panther-Video auf, unter der Überschrift: "Original". Enver Şimşek erlag zwei Tage nach der Tat seinen Verletzungen. Er wurde 38 Jahre alt.

"Es wurde mit zweierlei Maß gemessen"

"Sie hätten ihn nicht umbringen müssen, um den Erhalt der deutschen Nation zu sichern", sagte Rechtsanwältin Seda Başay-Yildiz [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ] vor dem Münchner Oberlandesgericht. Sie vertrat die Familie im Verfahren. "Enver Şimşek wäre ohnehin zurückgekehrt." Eindringlich skizzierte sie, wie unterschiedlich die Ermittler im Mordfall Şimşek im Vergleich zum Mordfall Michèle Kiesewetter vorgegangen seien. Auch die Polizistin wurde vom NSU getötet.

Adile Şimşek wurde damals aufs Revier beordert und befragt, während ihr Mann im Sterben lag. Eine Vernehmung im Krankenhaus stand gar nicht zur Debatte. Der Mutter der erschossenen Polizeibeamtin Kiesewetter hingegen wurde die Todesnachricht in Begleitung eines Seelsorgers und einer Pastorin überbracht. Die Ermittler nahmen Rücksicht, gaben der Mutter zehn Tage Zeit, bis sie vernommen wurde - zu Hause, in ihrer geschützten, gewohnten Umgebung.

"Es wurde mit zweierlei Maß gemessen", sagt Seda Başay-Yildiz. So war es ihrer Ansicht nach damals, so sei es noch heute. Nach 20 Jahren und trotz des Versuchs der Aufarbeitung des NSU-Komplexes habe sich nichts geändert, meint die Frankfurter Rechtsanwältin. Sie vertritt Hinterbliebene dreier Familien des rassistischen [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ], bei dem zehn Menschen getötet und viele weitere teils schwer verletzt wurden.

Seda Başay-Yildiz kritisiert, dass hessische Polizeibeamte die Angehörigen von Hanau "unsensibel" behandelt hätten. So seien diese in der Nacht versammelt darüber informiert worden, wer ums Leben gekommen sei, indem Polizisten eine Liste mit den Namen der Opfer vorgelesen hätten; ein Angehöriger habe ihr berichtet, dass er mit dieser Nachricht dann allein gelassen worden sei.

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) beteuerte hingegen erst kürzlich, das Land stehe an der Seite der Opferfamilien. Die Polizei habe noch in der Tatnacht eine umfangreiche Opfer- und Angehörigenbetreuung in Hanau auf die Beine gestellt; den Angehörigen der Opfer sagte der Minister weitere Hilfen zu. Anwältin Başay-Yildiz bleibt jedoch bei ihrer Kritik: "Ich dachte, man hätte aus dem NSU gelernt", sagt sie. "Ich dachte, man hätte gelernt, dass alle Menschen gleiche Rechte haben."

Geschändete Gedenkstätten für die Opfer des NSU

Die Behörden hätten aus der NSU-Mordserie kaum Lehren gezogen, bilanziert auch die Linkenpolitikerin Katharina König-Preuss, antifaschistische Sprecherin und Mitglied in den [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ]. Nach dem [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ] hatte die Polizei den jüdischen Betroffenen eine Nonne zur Seite gestellt.

Dennoch gebe es eine entscheidende Veränderung: "Die Betroffenen von Rassismus haben sich einen Raum erkämpft, ihre Stimmen sind lauter geworden", sagt König-Preuss und spricht von einer "Selbstermächtigung der Betroffenen". Auch habe der NSU-Prozess die Sensibilisierung in der Gesellschaft vorangetrieben. "Wir reden heute in einer Form über Rassismus, wie es vor 20 Jahren nicht möglich war."

König-Preuss erinnert an einen Schweigemarsch für den ermordeten Halit Yozgat, das neunte NSU-Opfer, im Mai 2006 in Kassel. Halit Yozgats Vater Ismail und Enver Şimşeks Tochter Semiya hielten Ansprachen. "Sie waren damals noch allein auf der Straße", sagt die Linkenpolitikerin. "Heute wäre das anders."

Inzwischen gibt es an mehreren Orten Gedenkstätten für die Opfer des NSU. Doch [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ]. "Es gibt kaum einen Erinnerungsort, der noch nicht geschändet wurde", sagt König-Preuss. In Winzerla, dem Stadtteil Jenas, aus dem die NSU-Terroristen stammten, soll demnächst ein Platz nach Enver Şimşek benannt werden.

Abdulkerim Şimşek, Envers Sohn, wird an diesem Jahrestag auf einer Kundgebung in Nürnberg sprechen. Unvergessen sind seine Worte aus dem Prozess vor dem Oberlandesgericht München im Januar 2018: Er schilderte, dass der überraschende, brutale Tod des Vaters für die Familie nicht das einzig Schlimme damals war.

Verheerende Folgen für die Familie


Die Verdächtigungen gegen die Angehörigen, die Unterstellungen, inwieweit der Vater selbst den Mord provoziert oder ausgelöst haben könnte, belasteten die Familie. Enver Şimşek wurden Geschäfte mit Drogen, eine Geliebte und Kontakte ins kriminelle Milieu unterstellt. Die Folge: Die Familie wurde gesellschaftlich ausgegrenzt, geriet in finanzielle Probleme, die Mutter erkrankte an Depressionen.

Abdulkerim Şimşek sagte, er sei "erleichtert" gewesen, als sich 2011 herausstellte, dass sein Vater von Nazis ermordet worden war. Erleichtert! Elf Jahre und zwei Monate musste Enver Şimşeks Familie darauf warten, bis die Unschuld des Vaters und Ehemanns bewiesen war. (Lesen Sie [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ].)

Wer gab den Hinweis auf Enver Şimşek?

Zum 20. Jahrestag der Schüsse auf Enver Şimşek will Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble an diesem Tag vor Beginn der Sitzung der Opfer der NSU-Mordserie gedenken. Adile und Semiya Şimşek werden an diesem Tag dort sein, wo Enver Şimşek seinen Lebensabend verbringen wollte: in der Türkei. Das Haus, das Enver Şimşek in seinem Heimatdorf gebaut hat, steht leer. Zu viele Erinnerungen, sagt Seda Başay-Yildiz. Im Schlafzimmerschrank liegt seine Kleidung. Als ob er jeden Augenblick zur Tür hereinkäme.

Sein Sohn wird an diesem wichtigen Tag im Namen der Familie eine Rede halten: am Tatort in Nürnberg, dem Parkplatz in der Liegnitzer Straße, wo die Stadt eine Gedenkveranstaltung abhalten will, gemeinsam mit der Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg und der Kirchengemeinde Altenfurt. Im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände soll der Dokumentarfilm "Spuren - Die Opfer des NSU" von Aysun Bademsoy gezeigt werden, anschließend gibt es eine Diskussion über den Umgang mit dem NSU und die anhaltende Bedrohung durch Rechtsextremismus in Deutschland.

Seda Başay-Yildiz, die Anwältin der Familie, hält es weiterhin für unwahrscheinlich, dass die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt [ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ] den Blumenhändler Enver Şimşek töteten. An dieser abgelegenen Stelle in Nürnberg komme man nicht zufällig vorbei, sagt sie. Die Begründung des Strafsenats und die Argumentation des Generalbundesanwalts, dass die beiden Männer den Tatort selbst ausgekundschaftet haben, hält sie für lebensfremd. Seda Başay-Yildiz ist davon überzeugt: Wer Şimşek töten wollte, ging gezielt vor. Wer den Mördern möglicherweise einen Tipp gegeben hat, ist bis heute ungeklärt.
Quelle:[ Link nur für registrierte Mitglieder sichtbar. Bitte einloggen oder neu registrieren ]
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